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Heft 33

Erschienen in Heft 33, anlegen
Ressort: Rezensionen

Tanja Paar:
Die Unversehrten

rezensiert von Werner Schandor

Federleicht erzählte Tragödie

Tanja Paars “Die Unversehrten” führen in den Abgrund des Zwischenmenschlichen hinab.

“Die Unversehrten” heißt Tanja Paars Debütroman, aber auf dem Umschlag ist über den Titel ein feiner Strich wie mit einer Rasierklinge gezogen – so als wäre der Titel in Lacan’scher Manier durchgestrichen: “Die Unversehrten”. Diese Schreibung wäre tatsächlich aufschlussreicher, denn wirklich unversehrt bleibt in diesem Beziehungsdrama, das so schmal und leicht daherkommt wie ein Kammerspiel, gar niemand.

Die Frau, mit der die Geschichte beginnt, heißt Violenta. Und das ist kein sehr verbreiteter Vorname, sondern das italienische Wort für gewaltsam. Es sind leicht übersehbare Details wie dieses, die den Roman von Tanja Paar auszeichnen und das unterschwellige Unbehagen hervorrufen, das sich nach und nach im Text verdichtet. Gewalttätig sind die Phantasien, die Violenta plagen: Während sie in der Küche steht und den Abwasch erledigt, stellt sie sich vor, wie es wäre, ihrer 13-jährigen Stieftochter, die sich neben ihr an den Wasserhahn drängt, die Kehle zuzudrücken. Und gleichzeitig hat sie das Bild eines im Eiswasser ertrinkenden Babys vor sich.

Wie es zu diesen Phantasien kommt, wird auf 150 Seiten in 47 kurzen Kapiteln ausgerollt. Am Anfang lernen wir Violenta und Martin kennen, die eine Fernbeziehung haben. Vio studiert in Bologna Mikrobiologie, Martin Medizin in Berlin, alle paar Wochen treffen sie sich auf ein verliebtes Wochenende in München. Aber Martin ist ein notorischer Schwerenöter, und er geht in Berlin eine zweite Beziehung ein – mit Klara. Diese Geschichte bleibt vor Violenta so lange geheim, bis Klara schwanger ist. Martin will das Kind nicht, Klara schon. Martin will sich nicht zwischen seinen beiden Beziehungen entscheiden, Vio nimmt ihm die Entscheidung ab und trennt sich von ihm. So kommt es, dass Martin, Klara und Tochter Christina in Berlin heile Bobo-Kleinfamilie spielen. Bis sich zehn Jahre später Violenta, die inzwischen als Biologin Karriere gemacht hat, dafür entscheidet, Martin zurückzuerobern und dessen Ehe mit Klara zu sprengen.

Es sind die Frauen, die in dieser Geschichte das Heft in die Hand nehmen. Das Tragische besteht darin, dass sie sich mit ihren Entscheidungen gegenseitig das angepeilte Glück vermiesen: Klara schmeißt den frisch in Vio verliebten Martin aus der gemeinsamen Wohnung und enthält ihm das Besuchsrecht für die Tochter vor. Violenta wiederum will selbst ein Kind von Martin, und als sie schließlich ebenfalls schwanger wird und einen Sohn zur Welt bringt, bricht sich endgültig eine Tragödie von klassisch-antikem Ausmaß Bahn.

Die in Wien lebende Autorin Tanja Paar hat in Graz, Wien und Lausanne Philosophie, Geschichte und Germanistik studiert und war lange als Journalistin tätig. Der nüchterne, klare Stil der Ex-Journalistin kennzeichnet auch ihr Romandebüt. Die Prosa der #Unversehrten# ist schlank und schnörkellos. In neutral erzählten Szenen wird man von Orkus an der Hand genommen und in den Abgrund des Zwischenmenschlichen hinabgeführt. Die große Kunst des Buches besteht darin, die Leser zu täuschen: Man glaubt bis zum Schluss, man befinde sich in einer anspruchsvollen Lifestyle-Erzählung und es werde einer der Protagonistinnen demnächst die entscheidende psychologische Einsicht dämmern und damit die Wendung zum Guten gelingen; dabei ist man schon längst in der griechischen Tragödie angelangt, wo alle Figuren Schuld auf sich geladen haben, weil sie auf Biegen und Brechen nichts anderes als ihr eigenes Glück verfolgen. Aus der Differenz zwischen dem luftigen Erzählton und dem letztlich tragischen Geschehen beziehen #Die Unversehrten# ihre Grundspannung. Ob die Wende am Ende – die wird hier natürlich nicht verraten – nicht schon eine Spur zu viel des federleicht erzählten Schrecklichen ist, sei dahingestellt.

Rezensionen

Buch

Tanja Paar:
Die Unversehrten

2018: Haymon, S. 160
rezensiert von Werner Schandor

Federleicht erzählte Tragödie Tanja Paars “Die Unversehrten” führen in den Abgrund des Zwischenmenschlichen hinab. “Die Unversehrten” heißt Tanja Paars Debütroman, aber auf dem Umschlag ist über den Titel ein feiner

Buch

Nadia Rungger:
Das Blatt mit den Lösungen. Erzählungen und Gedichte.

2020: A. Weger, S. 152
rezensiert von Nina Köstl

Die Besonderheiten der alltäglichen Dinge Nadia Runggers „Das Blatt mit den Lösungen“ – ein überzeugendes Debut. In ihrem 2020 erschienen Buch Das Blatt mit den Lösungen entführt Nadia Rungger ihre

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Katharina Körting:
Rotes Dreieck. Chronik eines Verrats.

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In der PR-Maschinerie Im Roman „Rotes Dreieck“ gerät eine aufrechte Texterin in das Räderwerk eines Wahlkampfs. Eine uralte amerikanische Blues-Weisheit lautet: „You can’t judge a book by it’s cover“ (Willie

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Roman Markus:
Dings oder Morgen zerfallen wir zu Staub

2020: Droschl, S. 232
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Wie war das noch mal? Roman Markus hat mit „Dings“ einen wunderschönen Roman aus den 1990ern geschrieben. Natürlich ist es Zufall, dass der Autor Roman heißt. Und sein Roman (wie

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Tonio Schachinger:
Nicht wie ihr

2020: Kremayr & Scheriau, S. 304
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Der Käfigkicker Ein unwiderstehliches Solo auf der Schreibmaschine: Tonio Schachingers Debütroman „Nicht wie ihr“. Wer keinen Bugatti hat, kann sich gar nicht vorstellen, wie angenehm Ivo gerade sitzt. Tonio Schachinger

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Werner Schandor:
Wie ich ein schlechter Buddhist wurde

2020: edition keiper, S. 200
rezensiert von Heimo Mürzl

Schotterbänke der Vernunft Werner Schandor hilft beim Nachdenken und plädiert für Menschlichkeit, Offenheit, Aufklärung und Humor.   Werner Schandor, der der Aufgeregtheit und Hektik, dem Tempo und Unsinn unserer Zeit

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Bergsveinn Birgisson:
Die Landschaft hat immer Recht

2018: Residenz, S. 288
rezensiert von Hannes Luxbacher

Die Welt in Bergsveinn Birgisssons 2003 erschienenem Debutroman “Die Landschaft hat immer recht” ist irgendwo zwischen banaler Realität, magischen Halluzinationen und bildreicher Vorstellungskraft angesiedelt. Es ist dem Residenz-Verlag hoch anzurechnen,

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Christoph Dolgan:
Elf Nächte und ein Tag

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rezensiert von Werner Schandor

AUFGEZWUNGENE STARRE In Elf Nächte und ein Tag zeichnet Christoph Dolgan ein dicht gewobenes Psychogramm einer bedrückenden Freundschaft. Das heftigste Kapitel ist jenes, wo die Hauptfiguren Theodor und der Ich-Erzähler

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