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sorgen

Zwischen Sorge und Kümmern wird ein Bedeutungsbogen aufgespannt, unter dem es wunderschön trocken, warm und gemütlich bleibt. Und schwupps waren wir beim vielzitierten Care-Begriff, der ins Zentrum dieses Heftes gerutscht ist. Ein Begriff, der alles impliziert, was daraus folgt, dass sich jemand, auf gut österreichisch „schert“.

neu denken

Klimaschutz, Digitalisierung, Wirtschaft, Bibliotheken, Museum, die Zukunft, den digitalen Raum, Schulprojekte: Ist alles neu zu denken. Oder auch: Warum Marken jetzt neu denken müssen! Zusammenleben, Teilhabe, Beton: Gänzlich neu zu denken, und zwar: jetzt, hier und zusammen. Mehr Infos hier

kinderleicht

„In einer Zeit, in der Fundamentalismen aller Couleurs immer mehr um sich greifen und die eigene Privilegiertheit als deutliches Zeichen besonderer Vortrefflichkeit gesehen wird, ist die Literatur gefordert, andere Lebenswelten zugänglich zu machen.“

(Renate Welsh)

Heft 46

schreibkraft - das feuilletonmagazin

sorgen

In der Früh noch schnell die Katzen versorgt, der besorgten Kollegin eine Nachricht geschrieben (ja, bin fix wieder fit und seit Tagen fieberfrei), am Weg in die Arbeit Papiermüll entsorgt, Kaffee besorgt, vor Ort erst mal am Schreibtisch für Ordnung gesorgt … keine Sorge: Wir spielen das jetzt nicht weiter. Ist eh offensichtlich: Das kleine Wort „Sorge“ durchdringt unsere Tage vom Aufstehen an. Und in der Nacht liegen wir wach, weil übriggebliebene Sorgerestposten Wache stehen. All unser Tun scheint von Sorge getrieben oder ausgebremst. War also hoch an der Zeit, dass sich die schreibkraft ein Heft lang um das Sorge-Lexem kümmert, genauer: ums Sorgen und die Sorgen.

Hermann Götz & Andreas R. Peternell

Trocken, warm und sicher!

In der Früh noch schnell die Katzen versorgt, der besorgten Kollegin eine Nachricht geschrieben (ja, bin fix wieder fit und seit Tagen fieberfrei), am Weg in die Arbeit Papiermüll entsorgt, Kaffee besorgt, vor Ort erst mal am Schreibtisch für Ordnung gesorgt … keine Sorge: Wir spielen das jetzt nicht weiter. Ist eh offensichtlich: Das kleine Wort „Sorge“ durchdringt unsere Tage vom Aufstehen an. Und in der Nacht liegen wir wach, weil übriggebliebene Sorgerestposten Wache stehen. All unser Tun scheint von Sorge getrieben oder ausgebremst. War also hoch an der Zeit, dass sich die schreibkraft ein Heft lang um das Sorge-Lexem kümmert, genauer: ums Sorgen und die Sorgen.

Zwischen Sorge und Kümmern – dem Kummer und dem Sorge-Tragen – konnten wir einen Bedeutungsbogen aufspannen, unter dem es wunderschön trocken und warm bleibt, sicher und gemütlich. Und schwupps waren wir bei einer Doppelnummer – und beim vielzitierten Care-Begriff, der, aktuell in aller Munde, auch ins Zentrum dieses dicken Heftes gerutscht ist. Kein Wunder eigentlich, impliziert er doch all das beschriebene Be-, Ent- und Versorgen des Alltags: alles eben, was daraus folgt, dass sich jemand, auf gut österreichisch „schert“.

Wobei es immer schwieriger zu werden scheint, dass sich jemand „schert“. Aber kann man dann das Kümmern kaufen? Im Zuge einer „Professionalisierung“ von Care-Arbeit werden Sorgen und Sorge aus dem Privaten in den Dienstleistungsbetrieb ausgegliedert – was das in einer Gesundheitskrise bedeutet, beschreibt Mario Schemmerl in einem bedrückenden Frontbericht aus der Corona-Zeit. Martina Ernst hingegen berichtet von agilen Alten, die im Fitnesscenter einen Wohlfühlort des sorgenfreien Um-sich-selber-Kümmerns finden. Gleichzeitig sterben die vormals vielleicht wichtigsten Orte sozialer Sorge: Dem Verschwinden der Gastrogattung des Beisls spürt Clemens Marschall nach. Als Frühbar taucht die dann in einem furchtlosen Essay von Sarah Fötschl auf. Angst ist ein Thema, das laut Eleonora Wicki der Sorge inhärent ist – und damit Ängstlichkeit dem Sorgen. Sophie Reyer setzt die Sorge in Bezug zu Michel Foucaults Begriff der „Biomacht“. Und Johann Seidl schlägt den Bogen zu Achtsamkeit und Wokeness – und diskutiert diese wichtige Haltung dialektisch anhand ihrer polemischen Gegenstimmen.

Mitunter geht die Sorge aber auch ganz konkret um: In der Steiermark steht etwa die Streichung der für weite Teile des Kultur- (und Sport-)budgets zweckgewidmeten ORF-Landesabgabe und somit eine Zerschlagung der steirischen Kulturlandschaft im Raum. Kunstschaffende und Institutionen haben sich aus diesem Grund zur Initiative #kulturlandretten zusammengeschlossen, Max Höfler und Andreas Unterweger deren Manifest verfasst.

Doch was, wenn man sich zu viele Sorgen macht? Von der Redewendung „krank vor Sorge“ ist es schließlich nicht mehr weit zur pathologischen Angststörung. In dem Fall helfen Erich Schirhuber, der uns in die Kunst, ohne Angst leben zu können, einführt und Rosemarie Pilz, die ein wenig fatalistisch festhält: „Eine Sorge weniger heißt mehr Ressourcen, sich den anderen Sorgen zu widmen.“

Sophie Reyer

Epilog


„Winner“ und „Waste“ im Zeitalter der Biomacht

Wie kann es sein, dass Menschen zu „Müll“ werden? Dass sie, wenn nicht „optimiert“, sprich, den gesellschaftlichen Erwartungen angepasst, automatisch aus der Öffentlichkeit ausgeklammert und von gewissen Bereichen des Lebens getrennt werden? Um hier einen Diskurs zu starten, muss zunächst historisch ausgeholt werden:

Schenkt man dem Philosophen Michel Foucault Glauben, so befinden wir uns im Zeitalter der Biomacht. Unter dem Begriff „Biomacht“ versteht man eine Form politischer Machtausübung, die versucht, Leben zu „schaffen“. Haben wir früher Kriege geführt oder wild getötet – man denke hier nur an die Kreuzzüge und die Hexenverfolgungen –, also versucht, „sterben zu machen“, so liegt der Fokus in unserer heutigen Gesellschaft darauf, Leben zu kreieren und zu optimieren. Dadurch ergeben sich fundamentale Änderungen in der Art, wie Herrschaft und Kontrolle angewendet werden. Erstens, so Foucault, sei durch die Biopolitik eine Zäsur im politischen Handeln passiert; zweitens sei Biopolitik wichtig bei der Entstehung des modernen Rassismus, denn im Rassismus wird die Menschheit in „wertes“ und „unwertes“, in „gerechtfertigtes“ und „ungerechtfertigtes“ Leben getrennt – wobei als Basis für diese Teilung der soziale Status dient. In seinen Werken stellt der Philosoph nun den Begriff der Biomacht dem der Souveränitätsmacht gegenüber. Während es der Souveränitätsmacht, die im vergangenen Jahrhundert vorherrschte, um die Abschöpfung von Gütern, also von Produkten und Dienstleistungen, ging, so rückt im Zeitalter der Biomacht das Recht über Leben und Tod ins Zentrum. Das zeigt sich beispielsweise in den Bereichen der Reproduktion, der In-vitro-Fertilisation, der Eugenik et cetera. Doch damit nicht genug: Auch das „Saubermachen“ zählt in einer Welt, in der die Natur „optimiert“ werden soll, mehr denn je! Und wer soll sauber machen? Natürlich die Individuen, die selbst als „Menschenmüll“ gesehen werden und nur an den Rändern einer Gesellschaft vorkommen dürfen: Meist Menschen mit Migrationshintergrund, meist Frauen – die Existenzen am „unteren Ende der Nahrungskette“ sozusagen.

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Harald A. Friedl

Das Eulenspiegel-Paradoxon

oder Die Last der Schönheit

Ein altes Kärntner Sprichwort besagt, Gott habe die Intelligenz universell gerecht verteilt. Die Plausibilität dieser fundamentaltheologischen These beruht auf einem schlichten wie schlagenden empirischen Indiz. Denn die Zahl jener Menschen, die öffentlich ihr persönliches Elend als Folge von zu geringer Geisteskraft beklagten, ist marginal. Grundlegend anders steht es um die Verteilung von Glück. Aufgrund seiner Unfassbarkeit („Das Glück ist ein Vogerl …“) steht die Menge seiner subjektiven Präsenz umgekehrt proportional zur Intensität der dadurch ausgelösten Zufriedenheit: Je mehr Glück, desto unzufriedener. Denn mit der Zunahme von Glück eines Menschen expandiert auch die Gefahr, alles wieder zu verlieren. Existenziell betrachtet sind glückliche Menschen zutiefst bedauernswert ob ihres permanent drohenden Niedergangs, während die Perspektiven am absoluten Tiefpunkt optimal sind: Es kann nicht mehr schlimmer werden.

Dieses Phänomen veranschaulicht das Grimm’sche Märchen Hans im Glück. Der Titelheld erhielt nach sieben Jahren Arbeit als Lohn einen Klumpen Gold, den er im Verlauf seiner Heimreise wiederholt gegen andere, „bessere“ Güter tauscht, um seine jeweilige Situation zu verbessern. Sein letzter Erwerb ist ein schwerer Mühlstein, der ihm beim Versuch, aus einem Brunnen zu trinken, entgleitet und im tiefen Wasser versinkt. Angesichts dieses Verlusts empfand sich Hans, von jeglicher Last befreit, als der „[glücklichste] Mensch unter der Sonne“ (Dettmering 1997).

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Sabine Dengscherz

Aufzug im Brandfall

oder Deine Sorgen möcht ich haben

Die Welt steht nimmer lang, sagt die Großmutter irgendwo in deinem Hinterkopf.
Stimmen im Kopf zu hören, sei Grund zur Sorge, heißt es. Mag sein.
 Aber wäre es nicht noch viel besorgniserregender, wenn es nichts zu hören gäbe? 
Ist nicht Sprache an sich schon eine Art Stimmengewirr im Kopf?
 Eines, das von Menschen und von Diskursflächen stammt, denen wir irgendwann begegnet sind? Wie würden wir uns in der Welt zurechtfinden ohne all diese Stimmen?
Wie würden sie sich in der Welt zurechtfinden, wie sie jetzt ist?
Was würden sie sagen?

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Ilse Kilic

Im Alterssimulator

Bericht einer besorgten Reise in eine Welt der Verluste

 

Grund für die Reise

Erkenntnisse über verschiedene Einschränkungen der sogenannten körperlichen Fähigkeiten, erwartbar, unvorstellbar, beobachtbar, erlebbar. Antworten auf die Frage: Wie viel Sorge brauchen die real existierenden Wirklichkeiten aller Altersgruppen?

Reisegedicht: Ich mach mir einen Reim drauf

Besorgt seh ich die Schwächen stärker werden rundum. Die Welt ein Kabinett voller Beschwerden, voll stiller Proteste ohne Applaus, entwischen gilt nicht: Du bist raus.
Reg dich nicht auf,
es geht bergauf.
So manche Lüge würde gern sich lohnen.
Ich bin besorgt. Ich würde uns verschonen.

Reisevorbereitungen

Aufklärung über die Reiseutensilien durch den Reiseleiter. Wir staunen. Aus organisatorischen Gründen werden Eva und ich die Reise nacheinander antreten. Der Augenzeuge und Fotograf macht erste Aufnahmen.

Start der Reise

Ich starte in meinem 67. Lebensjahr. Ziel meiner Reise: Das 92. Lebensjahr. Ungefähr.

Eva wird meine Reise beobachten und nach meiner Rückkehr starten.

Eva startet in ihrem 43. Lebensjahr. Ziel ihrer Reise: Das 68. Lebensjahr. Ungefähr.

Station 1

Anlegen der Handschuhe zur Reduktion des Tastsinnes. Anlegen der Handgelenks- und Ellbogenschienen zur Gelenksversteifung.

Zwischenstopp

Der Reiseleiter wirft einige Münzen auf den Boden. Ich soll sie aufheben. Ich bücke mich. Ich kann die Münzen auf dem Kopfsteinpflaster schlecht greifen. Es dauert.

Station 2

Anlegen von Gewichten an den Armen.

Zwischenstopp

Instruktionen des Reiseleiters: Stellen Sie sich vor, Sie wollen jetzt Ihre Haare waschen, sich kämmen. Oder Wäsche aufhängen. Wie würde es Ihnen gehen?

Mit Dank an Eva Schörkhuber (Mitreisende), Walter Pobaschnig (Augenzeuge und Fotograf) und Franz Schweidler (Reiseleiter der Zeitreise ins Alter)

 

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Eva Schörkhuber

Wie ich mich in 25 Jahren sehe

oder Die Vorsorge, die ich treffen möchte

Wie oft wird diese Frage in meist junge, von den Jahren, die vergangen, die über Höhen und Tiefen gezogen sind, noch unversehrte Ohren gelegt: Wo siehst du dich in so und so vielen Jahren? Diese Frage soll Anstoß sein, Motivation dafür, sich an einen anderen, an einen besseren Ort zu imaginieren, an dem die eigene Zukunft stattfindet.

Wo ich stehen werde? Mit beiden Beinen fest auf einem Boden, der Früchte trägt, die Früchte meiner Arbeit, die Früchte meines Fleißes, meiner Begabung, meines Durchhaltevermögens. Der Ort, an dem ich mich jetzt gerade befinde, ist lediglich eine Etappe auf dem Weg dorthin, wohin ich gelangen möchte. Meine Zukunft ist ein Ort, den ich erreichen kann: Sofern ich mich genügend anstrenge: sonst bleiben meine Möglichkeiten auf der Strecke; sofern ich lange genug durchhalte: sonst liegt das, was ich werden will und was ich sein könnte, plötzlich außerhalb meiner Reichweite, was nicht sein müsste, denn meine Reichweite, so wird mir unermüdlich versichert, könne ich ganz allein bestimmen, sofern ich … und so weiter und so fort.

Die Frage, wie ich mich in so und so vielen Jahren sehe, hat mir bislang noch niemand gestellt. Sie taucht, vielleicht nicht ganz, aber doch in dieser Vehemenz zum ersten Mal in meinem Leben auf, als ich mit meiner Freundin und Kollegin Ilse einen Alterssimulationsanzug ausprobiere. Es war Ilses Vorschlag, diese Zeitreise gemeinsam zu unternehmen: Ein Fotograf dokumentiert, wie wir, unter der Anleitung eines Trainers, im Handumdrehen um fünfundzwanzig Jahre älter werden. Es geht ganz einfach: Wir ziehen Handschuhe an, die unseren Tastsinn und die Beweglichkeit unserer Finger einschränken. Um unsere Ellenbögen und Kniegelenke schnallen wir Manschetten, um unsere Sprung- und Handgelenke Gewichte. So werden unsere Bewegungen schwerer. Wir schlüpfen in Schuhe, die unsere Schritte schwankend machen und unsicher, wir verlieren an Boden. Eine Weste, die zehn Kilogramm wiegt, beschwert unsere Oberkörper, eine Halsmanschette versteift unsere Nacken. Die Brille, die wir aufsetzen, verkleinert unser Gesichtsfeld und trübt unseren Blick. Durch die Schalldämpfer über unseren Ohren lassen sich Worte erst ab einer bestimmten Lautstärke und in einer gewissen Tonlage (lieber tiefer als höher) halbwegs passabel verstehen.

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Clemens Marschall

Sperrstund’ is’


Beim Essen und Trinken kommen die Leute zusammen

Nicht erst seit gestern werden kleine Beisln und Branntweiner – so man von diesen überhaupt noch welche finden kann – vor die Hunde gegangen. An deren Stelle: hohle Systemgastronomie, seelenlose Automaten-Shops und charakterfreie Konzerne, die mehr Arbeitsplätze wegnehmen als schaffen. Die hartgesottenen Tschocherln wirken wie Überbleibsel aus einer fremden Galaxie – für Investoren, die auf ihrem Reißbrett glattgebügelte, herzbefreite Sim-Cities planen, sind diese menschelnden Orte Störenfriede.

Über die Schließung des Café Industrie in Wien im Mai 2017 nach 103 Jahren Betrieb wurde medial berichtet. Andere Beisl-Tode sind oft nicht einmal der Bezirkszeitung eine Zeile wert. Die Namen der Verblichenen bringen das Rattern – nicht nur – des Kopfkinos ins Strudeln: Knusperhäuschen, Zuckerlhittn, Zehn auf einen Streich, Schmähbankerl, Salzamt, Espresso Jersey, Bären- und Teufelsmühle … Dogen- und Adlerhof wurden neu übernommen – und man hätte ihnen einen würdevolleren Tod vergönnt. Das alte Strizzilokal Las Palmas steht seit 2012 leer, im Black Out rotieren nunmehr Kebabspieße, und erst vor kurzem wurde das verzaubernde „Mocca Brasil“-Schild vom Espresso Black Jack abgenommen.

Ähnlich alt wie das Café Industrie war das Café Wild an der Linken Wienzeile: 1915 eröffnet, sperrte die vierte Familiengeneration zu. Diese Lokale haben Weltkriege und Wirtschaftskrisen überlebt, und jetzt erliegen sie – was eigentlich? Wirtschaftlichen Verschiebungen? Städtepolitischer Wurschtigkeit? Behördlichen Auflagen? Gesellschaftlichen Wandlungen?

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Max Höfler & Andreas Unterweger

Wir sind #kulturlandretten

Das ist unser Manifest

 

Wir sind many
und halten fest:
Wir halten zusammen

Wir sind many

Wir sind viele

Nas je veliko

Mnogo nas je

Sokan vagyunk

Нас багато

Biz çokuz

Ame sam but

είμαστε πολλοί

میدایز ام
نوريثك نحن
Suntem mulți
Nous sommes nombreux We are many

Mia san vü
Mia san vüle

Wir sind viele
die Großen und die Kleinen
die Mehrjährigen und die Punktuellen

die Erhöhten und die Gestrichenen

Wir sind many
die Befristeten und die Geringfügigen

die Vollen und die Fallweisen
die Freien und die Echten
die wenigen in fairen
und die viel zu vielen
in unfairen Verhältnissen

Wir sind many
wir sind mannigfaltig
wir sind aus Stadt und Land
aus Vor-, Klein- und Hauptstadt
aus Um-, In- und Ausland
wir sind aus
der sehenden und zu sehenden
der zuhörenden und zu hörenden
aus der bitter und süß schmeckenden Duft und Gestank witternden
der vor- und mitfühlenden
aus der anpackenden und angreifenden aufbauenden und hinhauenden erhaltenden und erschütternden
aus der voraus- und nach-
aus der aus- und über-
ge- und be-
und um- und mit-
denkenden
Kunst

Wir sind many und wir sind vieles

Wir sind konstruktiv
aber kein Feigenblatt
wir sind sichtbar
aber kein Tourismusspektakel

wir sind mehr wert

als der Mehrwert
wir sind ein Wirtschaftsfaktor
aber kein Kommerz
wir gehören zum Bild der Steiermark

sind aber kein Aufputz
wir bestätigen keine vorgefertigten Bilder

wir erschaffen neue
wir sind nicht eine Steiermark
wir sind viele Steiermarken
wir sind vieles für viele
wir sind alles für manche
wir geben alles für alle
es braucht uns
#kulturlandretten
brauchen wir

ORF-Landesabgabe
brauchen wir
Rechtsextremismus raus aus dem Kulturkuratorium

brauchen wir
Expertise rein ins Kulturkuratorium brauchen wir

kritische Kunst und Kultur als demokratiepolitische Kraft brauchen wir

Weltoffenheit und Zivilcourage

brauchen wir

Gespräche*
brauchen wir
konstruktive Kritik*

brauchen wir

Diskussion*
brauchen wir
Diskurs*
brauchen wir
Feuilleton*
brauchen wir
Literatur*
brauchen wir

Wir sind #kulturlandretten

Das ist unser Manifest

 

 

 

*Forderungen der edition schreibkraft
Eigene Forderungen senden Sie bitte an kulturlandretten@mur.at

Mieze Medusa

Tage, beschissen

 

Manchmal ist dein Tag

ein Flughafen:

ein Kommen und Gehen

und der Kaffee zu teuer

 

Manchmal ist dein Tag

ein Flughafen im Nebel:

ein Kommen und am Boden bleiben

es wird eng und der Kaffee ist zu teuer

 

Manchmal ist dein Tag

ein öffentliches Klo, das zu selten gereinigt wird:

bei aller Ausführlichkeit

beim Ausfüllen der Mängellisten
b

ist du im Notfall froh um den Thron

 

Manchmal ist die Menge

von Menschen ein Abgrund:

Auslöser von Schwindel und sonstigen

Gefühlen mit Bauchweh

so viel, so sehr

so viele, so sehr unterwegs

 

Eigentlich egal, aus welcher Himmelsrichtung

die Nachricht dich wo erreicht:

am Fuß einer Brücke mit Blick auf irgendwas

in der Hand die überteuerte Flasche Sparkling Water zu £ 1,45

oder

im Flieger A319-132 mit Blick auf die Safety Card

kurz vor dem Start

die Seatbelts sowas von gefasted

oder

im Job

im Kino

mitten im Gespräch:

 

„Du.

Nicht schrecken.

Bin wieder im Krankenhaus.“

Egyd Gstättner

Destroy Nestroy

oder Goodbye Austria! Dr. Denksteins Vorlesung an der Universität K.rähwinkel

 

„Hr. Nestroi hat sich in ‚Freiheit in Krähwinkel‘ an der Revolution vergangen: Hr. Nestroi parodirt die – Freiheit! Ist sie der Stoff dazu? Weiß Herr Nestroi nicht, dass es Gefühle gibt, über die wir keinen Scherz anhören können, ohne verletzt, verwundet bis in den Kern unserer Seele zu werden? Weiß Herr Nestroi nicht, daß es eine Heiligkeit gibt, welche unser Herz nie profaniren läßt? Die Freiheit – der Kampf – das Streben um sie ist das heiligste und heiligendste Gefühl – und Herr Nestroi parodirt sie!“

(J. S. T. in der Presse vom 4. Juli 1848)

 

Ort: HS 1 der südlichsten Universität der Republik Österreich
Zeit: Jetzt

1 Termin.

 

„Provinzler!“ Ja, sehr verehrte Damen und Herren, geschätzte Hörerinnen und Hörer, Sie hören ganz recht! Johann Nepomuk Eduard Ambrosius Nestroy nannte sich selbst ganz ungeniert einen „Provinzler“, auch wenn in seinem Fall bei allem, was er sagt, der ironische Unterton mit zu bedenken und herauszuhören ist. „Provinzler“ hat Nestroy allerdings nicht gesagt, sondern geschrieben. „Was kann ein von Geschäften zurückgezogener Provinzler einem Residenzbewohner Belanghabendes schreiben?“, fragt Nestroy seinen Korrespondenzpartner Ernst Stainhauser, seines Zeichens „Oekonomie-Controlor“ des Carltheaters in Wien, wo er, Nestroy, viele Jahre Direktor gewesen war, um seine Säumigkeit im Briefeschreiben zu entschuldigen. „Oh, eine ganze

Menge, Meister!“, möchte ich ihm eineinhalb Jahrhunderte in die Zeit zurückrufen; und Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, möchte ich im Lauf des kommenden Semesters den Beweis oder wenigstens den Beleg dafür liefern.

Geschrieben hat Nestroy diesen Brief knapp vor Weihnachten, nämlich am 18. Dezember des Jahres 1860 am Schreibtisch seines Arbeitszimmers, der sogenannten „Bärenhöhle“ seines Hauses in der Elisabethstraße, nur einen Katzensprung vom Stadtpark und vom Forum Stadtpark, auch nur einen Katzensprung – allerdings in die andere Richtung – von der Universität und vom heutigen Literaturhaus, vom Franz-Nabl-Institut entfernt.

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Heft 45

schreibkraft - das feuilletonmagazin

kinderleicht

Bullerbü und Berlin, Hogwarts und Pisa. Zwischen diesen (und noch vielen weiteren) Polen auf der literarischen und gesellschaftlichen Landkarte muss sich Kinder- und Jugendliteratur heute verorten. Die Erwartungshaltungen sind deutlich vielfältiger, höher und komplexer als an jede andere Art literarischer Produktion. Hohe literarische Qualität? Klar! Gute Unterhaltung? Selbstverständlich! Gesellschaftspolitische Verantwortung? Unbedingt! Patchworkfamilien, Trennung, Krieg, Fluchterfahrung, geschlechtliche Identitäten, Rollenbilder, Tod und Klimaschutz. Kein Thema, zu dem es nicht das passende Kinderbuch gibt oder geben soll. Doch ist es tatsächlich die Aufgabe von „KiJu-Literatur“, die nächsten Generationen aufs Leben vorzubereiten und gleichzeitig die Welt zu retten? Können Kinderbücher auch „nur“ unterhalten, oder schwingt dabei immer ein gesellschaftspädagogischer Ansatz mit?

Matthäus Bär & Andreas R. Peternell

Lauter Kindsköpfe

Bullerbü und Berlin, Hogwarts und Pisa. Zwischen diesen (und noch vielen weiteren) Polen auf der literarischen und gesellschaftlichen Landkarte muss sich Kinder- und Jugendliteratur heute verorten. Die Erwartungshaltungen sind deutlich vielfältiger, höher und komplexer als an jede andere Art literarischer Produktion. Hohe literarische Qualität? Klar! Gute Unterhaltung? Selbstverständlich! Gesellschaftspolitische Verantwortung? Unbedingt! Patchworkfamilien, Trennung, Krieg, Fluchterfahrung, geschlechtliche Identitäten, Rollenbilder, Tod und Klimaschutz. Kein Thema, zu dem es nicht das passende Kinderbuch gibt oder geben soll. Doch ist es tatsächlich die Aufgabe von „KiJu-Literatur“, die nächsten Generationen aufs Leben vorzubereiten und gleichzeitig die Welt zu retten? Können Kinderbücher auch „nur“ unterhalten, oder schwingt dabei immer ein gesellschaftspädagogischer Ansatz mit?

„Gut ist, was Kinder zum Lesen bringt“, meint dazu etwa Kinderbuchlektorin Melanie Becker im Interview, in dem sie auch über ihren beruflichen Alltag berichtet. Den langen Weg eines Buches von der groben Idee bis in die Buchhandlungen bzw. die strukturellen Herausforderungen ihres Berufes machen die Autorinnen Frauke Angel, Rieke Padwarthan, Renate Welsh, Verena Hochleiter und die Illustratorin Anika Voigt – in ihrer jeweiligen Ausdrucksweise – transparent. Die Literaturagentin Susanne Koppe sowie die Buchhändlerin Bianca Braunshöfer berichten in ihren Beiträgen von den Rahmenbedingungen und deren Veränderungen in der Branche.

Doch wie kommen die Bücher überhaupt ins Kinderzimmer? Wer wählt sie aus? In den meisten Fällen Erwachsene. Sie sitzen in Redaktionen, Jurys und ganz generell am längeren Ast, wenn sie Kritiken schreiben, Preise vergeben und letztlich die Geldbörse zücken. Sara Schausberger und Amelie Herold berichten über ein Gegenbeispiel: In der „Jury der jungen Leser:innen“ werden seit 1993 Bücher von Kindern und Jugendlichen selbst prämiert. Und nach welchen Kriterien werden Kinderbücher eigentlich ausgewählt? „Der Kanon hat im Kinderzimmer nichts verloren“, meint Publizistin Saskia Hödl und plädiert dafür, inhaltlich, formal und sprachlich problematische Literatur großzügig auszusortieren – auch wenn darunter der eine oder andere „Klassiker“ sein sollte. Apropos Klassiker: In der Rubrik „vergilbt, but not forgotten“ erinnern sich Pia Hierzegger, Jessica Lind, Tanja Paar, Teresa Präauer und Manuel Rubey an die wichtigsten Bücher ihrer Kindheit – und wir können verraten, sehr viele davon kommen aus Skandinavien. Aus dem hohen Norden kommt übrigens auch ein ungewöhnlicher Gesprächspartner: Im exklusiven Interview erzählt der Sambakönig vom harten Leben als (Kinder-)Romanfigur.

Das vorliegende Heft ist also eine Premiere in vielerlei Hinsicht: Erstmals widmen wir ein ganzes Heft voll und ganz der Kinder- und Jugendliteratur, noch dazu ist es deutlich konkreter als andere Ausgaben. Am Ende werden Sie also nicht nur Einblicke und neue Denkanstöße bekommen haben (wie in jeder schreibkraft-Ausgabe), Sie werden sich auch deutlich besser auskennen. Und gewinnen können sie außerdem: Die Illustratorin Jacqueline Kaulfersch gestaltete für diese Ausgabe der schreibkraft zehn im Heft verteilte Buchstabenmonster. Diese lassen sich beliebig bunt ausmalen, und – richtig aneinandergereiht – auch als ganzes Wort lesen! Wer das richtige Codewort an schreibkraft@mur.at schickt, kann ein Exemplar des Buchs „Elvis, Kate & Ziggy“, ebenfalls von Kaulfersch illustriert, gewinnen.

Bianca Braunshöfer

Der Versuch, Klarheit zu schaffen

Oder: Warum eröffnet man eine neue Buchhandlung in diesen Zeiten?

Lange bevor Katja Fetty und ich im Oktober 2022 o*books im Nordbahnviertel eröffnet hatten, keimte der Wunsch in mir, die Buchhandelslandschaft ein wenig zu verändern. Damals arbeitete ich in einer Grätzelbuchhandlung, wo ich in einige Prozesse miteinbezogen wurde. Unter anderem auch in die Kuration der Bücher, die am Lager sein sollten. Schon im Germanistikstudium habe ich gerne Kurse belegt, die sich mit Literatur marginalisierter Stimmen beschäftigten bzw. waren mir feministische Themen ein Anliegen. Trotz der Aneignung von Wissen zu dem Thema und der Entscheidung, künftig nur noch Literatur von Frauen*, FLINTAs allgemein, BIPoC und Queers zu lesen, und der Notwendigkeit, ebenjene Stimmen in den Vordergrund zu rücken, konnte ich auch in einem relativ liberalen und offenen Buchhandlungsumfeld nicht so walten, wie ich es mir vorstellte. Ich stellte es mir aber nicht nur für mich vor, sondern war der festen Überzeugung, es würde auch der Buchhandlung guttun, einen neuen Fokus zu setzen. Diesen Fokus konnte ich als ‚einfache‘ Angestellte nicht durchsetzen, die Begründung können wir uns vorstellen: Wir müssen Literatur für alle anbieten, selbst wenn wir Feministinnen sind, gibt es doch Kund*innen, die nicht Frauenliteratur lesen möchten. Was sollte das bedeuten? Frauenliteratur? Und warum wird sie nicht jedenfalls gleichwertig behandelt? Und die elendige Frage nach dem Huhn und dem Ei: Wer bestimmt das Angebot, wie entsteht Nachfrage, welche Parameter sind hierfür wichtig? Ich glaube, darauf kann ich an dieser Stelle keine Antwort geben, sie würde erschöpfend ausfallen (müssen) und dennoch bin ich der Meinung, dass wir uns nicht dem beugen dürfen, was vorgegeben wird, was laut Spitzentitelplatzierungen von Verlagen, Besprechungen von Journalist*innen und schlussendlich dem Kanon auf den Tischen liegen sollte.

Die Fülle an Literatur ist sehr schwer zu überblicken, zu bewältigen oder gar: zu lesen. Deshalb sind es wahrscheinlich – auch wenn sie am Schluss der Kette stehen – die Buchhandlungen, die einen enormen Einfluss darauf ausüben können, was gelesen wird und – bei allem Idealismus darf man darauf nicht vergessen – was gekauft wird. Letztendlich verdienen nicht nur Buchhandlungen und Verlage monetär daran, sondern auch die Autor*innen. Wenn aufgrund von Kanonisierung und den immergleichen Argumenten der Qualität und „Tradition“ nur ein gewisser Teil der künstlerischen Bevölkerung verdient, sei es an Geld, aber auch an Wertschätzung und Ruhm, so meine ich, sollten wir überlegen, wie dieser Ruhm verteilt werden kann, und uns fragen, wie wir das Angebot kuratieren, eben auch im Hinblick auf literarische Stimmen, die als „Nische“ gelten, vergessen werden oder beiseitegelegt.

 

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Susanne Koppe

Die Geschlechterfrage in der Verlagsbranche

Was war, was ist?

Seit Mitte der achtziger Jahre bin ich in der Kinderbuchbranche: In München als Journalistin, Scout und Übersetzerin, als Leiterin der Reihe Rotfuchs in Hamburg und seit 2002 als Literaturagentin in Hamburg und heute in Wien. In diesen Funktionen wurde ich insbesondere von der Frankfurter Buchmesse oder zu Tagungen immer wieder gern zu Vorträgen gebeten, und das entschiedene Lieblingsthema lautete gern: „Trends in der österreichischen / deutschen / französischen / philippinischen oder … Kinder- und Jugendliteratur“. Jedes Mal war ich ein wenig ratlos, wenn dieses Gretchen-Thema angefragt wurde: Irgendetwas konnte man dazu immer erzählen, substantiell nur mit ausreichenden Daten – aber, in welche Richtung forschen? Der Kinderbuchmarkt setzt sich aus so vielen unterschiedlichen Segmenten zusammen, aus Pappbüchern, experimenteller Lyrik und Sachbüchern aller Facetten.

In den letzten Jahren wurde ich für dieses Thema jedoch kaum mehr angefragt. Lag das vielleicht daran, dass ich mehr und mehr aus der Hamburger Kinderbuchszene nach Wien verschwand? Oder … an meinen Lebensjahren? Jetzt ist die Sache erwiesen: Mein neues Thema lautet: „Der KJL-Markt heute und gestern.“ Ich bin im biblischen Alter angekommen, um historisch reflektieren zu können. Und muss zugeben, dass ich doch gleich ein paar wild durcheinanderflatternde Assoziationen hatte. Der seit Harry Potter andauernde chronische Verlust des Stellenwerts der realistischen Kinder- und Jugendliteratur. Der Einfluss der Digitalisierung auf sämtliche Bereiche des Buchschaffens, von der Kommunikation – zu meiner Anfangszeit wurden selbst Messetermine meist brieflich vereinbart! – bis zur kreativen Arbeit. Selbst ohne KI sind die Änderungen riesig. Aber dann blieb ich bei einem Thema hängen, über das inhaltlich viel und den Buchmarkt selbst betreffend wenig gesprochen wird: Frau und Mann in der Verlagsbranche.

Auf dieser Ebene hat sich ungeheuer viel getan. Frauen haben laut nach ihren Rechten gerufen: Sie wollten beruflich in Top-Positionen kommen können. Wie empfinde ich das als Frau, die als junge Praktikantin in den leitenden Stellen fast nur Männer erlebte und in bestimmten Abteilungen wie Vertrieb und Herstellung Frauen fast nur als Zuarbeiterinnen? Wie so oft im Leben: Als einerseits und andererseits.

 

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Frauke Angel

Good cop – bad cop

Ein Fortsetzungsroman

Bevor ich Kinderbuchautorin wurde, war ich Schauspielerin. Ich habe diesen Beruf geliebt, so wie ich meinen heutigen liebe. Und so juckt es mich in den Fingern, diese Gelegenheit zu nutzen, um mich aufzuspielen. Weil ich noch dazu größenwahnsinnig bin, reicht mir eine Rolle nicht, ich schnappe mir zwei. Good cop & bad cop. Ich will Lob austeilen und Kritik üben. Und hoffe tatsächlich darauf, dass irgendwas zurück- und ans Licht kommt. Immerhin geht es hier nicht um Leben oder Tod. Es geht nur um Bücher. Und um die Menschen dahinter, okay.

Das absolut Fantastische am Schreiben ist erstmal, ich alleine entscheide, wie und worüber ich schreiben will. Bis hierhin kann mir noch niemand was. Meine Gedanken sind frei. Erst wenn es daran geht, mein Manuskript zu verkaufen, erst, wenn ich Geld für meine Arbeit haben will oder wenn ich – wie jetzt – meine Meinung darüber kundtue, lade ich andere Menschen ein, sich einzumischen. Dieser Diskurs kann ganz wunderbar sein. Oder schrecklich frustrierend. Auch herabwürdigend. Oder schmeichelhaft. Das ist nichts Ungewöhnliches. Ein Risiko besteht immer, wenn zwei oder mehrere Menschen aufeinandertreffen, um miteinander zu verhandeln. Die Bandbreite der Auseinandersetzung ist groß. Vor allem, wenn Geld ins Spiel kommt. Geld ist in der Kunst erstaunlicherweise immer so mit Pfuibah besetzt. Ich verstehe das nicht. Habe ich nie verstanden. Ich mag Geld. Ich brauche Geld. Armuts-betroffene Menschen sterben früher und haben aufgrund von Existenzängsten einen beschränkten Horizont. Die Hirnforschung bringt es auf den Punkt: Arm sein macht
dumm. Und dumme Menschen können keine klugen Bücher schreiben. Deshalb gebe ich gerne ein paar betriebswirtschaftliche Beispiele aus meinem Autorinnenleben. Ob das klug ist, ist eine andere Sache. Aber hey, aus Fehlern lernt man. Ich bin bereit dazu.

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Saskia Hödl

Zeig mir, wer ich bin

Kinderbücher sind die Grundlage jeder politischen Bildung. Gerade weil sie einen hohen Stellenwert im Leben der Kinder haben, ist es wichtig, hohe Maßstäbe an Sprache und Inhalt zu setzen

Der Kanon hat im Kinderzimmer nichts verloren. Auch wenn Sie das jetzt ärgert, lesen Sie doch noch ein bisschen weiter. Ein Kanon hat im Kinderzimmer nichts verloren, weil Lesen erstmal Spaß machen muss, bevor es anstrengend werden darf. Bevor es eine Zumutung werden darf. Bevor man ächzend nach der letzten Seite das Buch zuklappt, erschöpft, aber erleichtert, wie nach einem Zahnarztbesuch.
Jeder kennt so ein Buch, das man gelesen haben muss, aber lieber nicht gelesen hätte. Wer erwachsen ist, kann das durchaus wegstecken, aber Kinder wenden sich viel schneller vom Lesen ab. Immerhin gibt es heute einige alternative Unterhaltungsmedien, die raschere Dopaminausschüttung versprechen. Kinder sollten sich also aussuchen dürfen, was sie lesen möchten. In einem pädagogisch wertvollen Rahmen versteht sich.

Kinder sind, wie andere Menschen auch, sehr unterschiedlich in dem, was sie als gute Lektüre empfinden. Zum Glück sind aber gerade Kinderbücher so vielfältig: sie können erklären, unterhalten, nachdenklich machen und sie müssen das nie alles auf einmal. Man kann sie drehen, wenden, durch Löcher und in Klappen lugen, sie fühlen und manchmal sogar hören. Ob ein Kinderbuch gut ist, bestimmen die Bedürfnisse des jeweiligen Kindes.
Schwierig ist die Buchauswahl für ein Kind aber allemal, muss man dabei doch auch beachten, dass Kinder die Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität je nach Alter und fantastischer Veranlagung bisweilen nicht vollständig beherrschen. So gibt es Bücher, die zwar zweifelsohne auf die Liste der besten Kinderbücher gehören, mit denen man manche Kinder aber eher jagen kann als ins Bett bringen. Eines meiner Kinder hatte über mehrere Jahre eine Heidenangst vor dem Grüffelo – ein Buch, das andere von klein auf lieben und das vergangenes Jahr von CNN auf die Liste der hundert besten Kinderbücher gesetzt wurde. Sollte ich mein Kind also zwingen, dieses Buch zu lesen, das ihm so gar keine Freude macht? Wohl kaum.

 

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Sarah Foetschl

Kinder, Bilder und Buchstaben

Wer gegen einen Baum rennt, wie Mister Aua, dem fällt ein Apfel auf den Kopf

Eine Psychologin meinte zu mir, da war mein Sohn etwa eineinhalb Jahre alt, dass auch schon Babies Babys und Kleinkinder Bücher brauchen. Ich fragte sie warum. Sie meinte: Na, weil Schuhe zum Beispiel. Alle Schuhe sehen ja anders aus. So kann man den Begriff „Schuh“ ja nicht verstehen. Ich zögerte. Ich fand das eine saudumme Aussage. Sagte aber nichts. Es sehen auch alle gezeichneten Schuhe anders aus …

Ich bin mit Büchern aufgewachsen. Wir hatten immer Bücher als Kinder. Und meine jüngeren Geschwister sahen natürlich auch die Bücher, die ich als Ältere ansah.

Als mein Sohn ein Jahr alt war, aß er Bücher noch auf. Oder er zerriss sie. Dann begann er mit einem Pappkartonbuch zu hantieren. Es war sehr kompliziert, das Ding zu klappen oder irgendwie zu halten. Sperrig blieb es hängen, er konnte es auf den Kopf setzen, an den Kanten und Ecken konnte man nagen und saugen. Der Karton zerteilte sich in viele Schichten, die man lutschen konnte.

Dass im Buch Bilder waren, bemerkte er eigentlich nicht. Es war einfach ein Ding, das man mit beiden Armen umständlich vor sich bewegen, drehen und wenden konnte und das dabei hartnäckig sperrig blieb. Irgendwann konnte man es weg werfen und sich etwas Anderes anderes suchen. Schuhe sind dreidimensional. Warum sollte etwas Zweidimensionales etwas Dreidimensionales ersetzen? Das wäre doch eine Verunglimpfung der Sinne.

 

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Karin Haller

White Collar

Klassische Kinderliteratur und Political Correctness

Wie politisch korrekt kann, soll, muss die Kinderliteratur sein? Wie sollen Klassiker an eine Sprache angepasst werden, die Menschen nicht aufgrund bestimmter Merkmale wie Geschlecht, Körpergewicht oder Hautfarbe diskriminiert? Wer befindet darüber, wie diese Sprache auszusehen hat? Wie weit gehen die Diskussionen, Änderungen, Normierungen?

Zur Klarstellung: Es ist glücklicherweise schwer vorstellbar, dass in einem 2024 geschriebenen und in einem professionellen Verlag publizierten Kinderbuch diskriminierende Begriffe für Roma und Sinti oder N-Wörter unkommentiert vorkommen – im folgenden Beitrag stehen ältere Texte und nachträglich an ihnen vorgenommene Veränderungen zur Diskussion.
Um das in jeder Hinsicht komplexe Thema einigermaßen in den Griff zu bekommen, werde ich es eingrenzen: Sprachliche Bearbeitung ja oder nein und wenn ja, wie sehr? Lässt sich diese Frage überhaupt pauschal und allgemein beantworten? Spoiler: Wenn eine rhetorische Frage so gestellt wird, lautet die Antwort darauf meistens: Nein. Weil es eben darauf ankommt, wer sie wann und wo beantwortet.

Beginnen wir mit dem Wo, weil es am einfachsten ist. Es ist nachvollziehbar, dass es einen Unterschied macht, ob die Einschätzung politisch korrekter Sprache in einem demokratischen oder einem totalitären System öffentlich geäußert wird. Stichwort: Zensur.
Aber auch das Wer ist von großer Bedeutung. Ein literarisches Werk zu schreiben und zu veröffentlichen, und als solches werden Kinderbücher hier betrachtet, bedeutet für die Beteiligten immer auch, Entscheidungen treffen zu müssen.

– Die Autor:in wählt bewusst diese oder jene Worte, um seine bzw. ihre Geschichte zu erzählen, einen Schauplatz zu gestalten, die Figuren zu charakterisieren, einen Sachverhalt zu klären.

– Der Verlag entscheidet, welche Begriffe bleiben oder verändert bzw. ganz gestrichen werden. Das tut er übrigens immer, nicht nur im Falle der sog. politischen Korrektheit, Stichwort Lektorat, dabei geht es etwa um stilistische Fragen, innere Logik oder Verständlichkeit. Ein Mainstreamverlag, dem vor allem breiter Absatz wichtig ist, wird Austriazismen wie „Polster“ oder „Jause“, nicht ohne weiteres im Buch belassen, die jenseits der Weißwurstgrenze auf Unverständnis stoßen. Ein Verlag wiederum, der auf ein hohes künstlerisches Profil und maximalen Respekt vor der ursprünglichen Wortwahl der Autor:in Wert legt, wird die österreichischen Begriffe unangetastet lassen und gegebenenfalls mit Fußnoten versehen oder in einem Glossar erklären.

– In der Vermittlung wird die Frage, welche Wortwahl angemessen ist, im Kontext der Vermittlungssituation entschieden: Eine Lehrperson, die ein Buch als Klassenlektüre einsetzt oder eine Bibliothekar:in, die es auf eine Empfehlungsliste nimmt, wirft einen anderen Blick darauf als eine Jury, die ausschließlich die künstlerischen-ästhetischen Aspekte des Werks beurteilt.

 

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Matthäus Bär & Melanie Becker

Gut ist, was Kinder zum Lesen bringt

Über künstlerische, gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Ansprüche bei der Programmgestaltung

 

Was macht eine Lektorin eigentlich den lieben langen Tag?

Das ist eine gute Frage. Dieses romantische Bild, dass eine Lektorin den ganzen Tag entspannt liest, stimmt jedenfalls nicht. Zumindest nicht immer. Man könnte sagen, dass man genau das Gegenteil von dem macht, was man sich eigentlich für den Tag vorgenommen hat, weil immer wieder etwas Neues, Unvorhergesehenes auftaucht. Als Lektorin bin ich quasi eine Projektmanagerin – ich koordiniere den Veröffentlichungsprozess eines Buches von der ersten Idee bis zum fertigen Buch. Man ist sozusagen die Hebamme, die dem Buch auf die Welt hilft. Dazu gehört, dass man viel liest, um überhaupt Texte und Konzepte zu finden, im nächsten Schritt erfolgt dann der Einkauf der Rechte, man verhandelt Verträge und Konditionen, arbeitet mit den Autoren und Autorinnen an den Konzepten und Texten oder man lektoriert die Übersetzungen und kümmert sich darum, dass die Bücher auch noch illustriert werden. Was man auf jeden Fall sagen kann: Es wird selten langweilig!

Nach welchen Kriterien wählst du neue Stoffe und Texte aus?


Das ist tatsächlich ganz unterschiedlich. Natürlich schaut man, dass es nicht bereits ähnliches schon massenweise gibt und der neue Stoff Mehrwert bietet, aber in erster Linie muss er gefallen und berühren. Sobald wir dann im Lektorat von einem Projekt überzeugt sind, stellen wir dieses dem restlichen Haus vor und dann muss der Text auch beweisen, dass er das Zeug hat, Marketing und Vertrieb zu überzeugen.

 

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Rezensionen

Buch

Werner Schandor:
Flüchtiges Spiel

2025: Edition Keiper, S. 210
rezensiert von Sabine Dengscherz

Von Kugeln und Haien Werner Schandors jüngster Roman kreist um Spielsucht und Korruption Wir schreiben das Jahr 2002. Zwei Paare machen Urlaub auf den Malediven, und in einer Werbeagentur werden

Buch

Frieda Paris:
Nachwassser

2024: edition Azur, S. 136
rezensiert von Lisa Höllebauer

Ein Langgedicht als Einladung   stellenweise wisst ihr schätzungsweise mehr als ich
und doch hoffe ich euch andernorts zu überraschen Worüber schreiben bei einem Buch, das von allen Seiten positiv besprochen

Buch

Elisa Asenbaum (Hg.):
nie als allein. Phänomen Dialog & lyrische Interferenzen.

2025: fabrik.transit, S. 190
rezensiert von Sabine Dengscherz

Poetischer Dialog als Versuchsanordnung Neun Autor:innen interagieren in einem interdisziplinären Experiment Schreiben ist Dialog: Texte antworten auf Texte, Fäden laufen intertextuell zusammen, treffen aufeinander, ändern die Richtung und werden neu

Buch

Anna Herzig:
Das Seil

2025: Septime, S. 116
rezensiert von Hermann Götz

Eine Geschichte, die auszuckt  „Das Seil“ von Johanna Herzig schnürt einem – kunstvoll – den Hals zu. Ein Seil kann retten, es kann fesseln, es kann Mord- und Selbstmordwerkzeug sein

Buch

Timo Brandt:
Oder die Löwengrube

2025: edition keiper, S. 208
rezensiert von Hermann Götz

Noch mehr Multiversen bitte! Über Timo Brandts Romandebüt „Oder die Löwengrube“ Feministische, sexuell aufgeladene Science-Fiction. So in etwa ließen sich die Romane beschreiben, mit denen Lynn durchaus erfolgreich am Buchmarkt

Buch

Olaf Olafsson:
Berührung

2024: Berlin, S. 335
rezensiert von Hannes Luxbacher

Die Liebe in der Krise Olaf Olafsson verschränkt in seinem Roman „Berührung“ den Lauf der Liebe mit der Covid-Pandemie Es ist der Reiz des Bedächtigen, dem man in Olaf Olafssons

Buch

Werner Fiedler:
Die Apokalypse des frommen Jakob

2024: edition kürbis, S. 243
rezensiert von Hermann Götz

Zeuge gegen Jehova Werner Fiedler wollte ein Drehbuch über seine Kindheit in einer Sekte schreiben. Es ist ein dichtes Buch geworden Jakob wächst mit seiner Mutter Monika auf, die die

Buch

Stefan Schmitzer:
loop garou – invokationen

2024: Ritter, S. 96
rezensiert von Sophie Reyer

Differenzwiederholungen vom Feinsten „loop garou – invokationen“ – diesen Titel trägt Stefan Schmitzers neuer Lyrikband – und jenes besondere Wortspiel zu Beginn, das einerseits auf den französischen Werwolf („loup garou“),

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'neu denken' neu denken

Klimaschutz, Digitalisierung, Wirtschaft, Bibliotheken, Museum, die Zukunft, den digitalen Raum, Schulprojekte: Ist alles neu zu denken. Oder auch: Warum Marken jetzt neu denken müssen! Zusammenleben, Teilhabe, Beton: Gänzlich neu zu

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Kulturland retten

Die kulturelle Zukunft des Landes Steiermark ist bedroht! Durch die schon seit Jahren sinkenden Kulturförderbudgets des Landes sowie die mangelnde fachliche Kompetenz und eine parteipolitische Besetzung des neuen Kulturkuratoriums des Landes Steiermark riskiert die Politik eine Zerschlagung der steirischen Kulturlandschaft. Dabei ist unser Land dringend auf Kunst & Kultur angewiesen: Als Werkzeug der Regionalentwicklung, als soziales Bindemittel und kritischer Spiegel, als Arbeitgeber:in und Wirtschaftsfaktor. Wir sagen Nein zu dieser kurzsichtigen Kulturpolitik und fordern eine nachhaltige Verbesserung der Rahmenbedingungen!
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