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Die Doppelnummer „ordinär“ ist da

Es ist soweit: Die “ordinäre” Ausgabe der schreibkraft ist ab 3. Mai erhältlich.

Heft 36

schreibkraft - das feuilletonmagazin

ordinär

Das Zauberwort pandemischer Tage heißt „Normalität“. Eben noch, also vor der Corona-Phase, das gering geschätzte Synonym für Fadheit par excellence, avanciert erlebte Norm neuerdings zum Sehnsuchtszustand. Für viele ist sie gar die zentrale Erlösungsperspektive für die Zeit nach COVID-19. Aber wieso? War sie so gut? Oder war sie zumindest besser als das, was mittlerweile als „Neue Normalität“ bezeichnet und mit Franziska Bauers Worten wie folgt zusammengefasst werden kann: „In Krisenzeiten droht der Wahnsinn überhaupt zur Normalität zu werden.“

Mathis Zojer

Die terminologischen Tauben

Was wäre, wenn wir nur noch Sprache hätten, aber keine Welt mehr, auf die sie sich bezieht?

Blättert jemand energisch in einer Zeitung, hört sich das ein wenig so an wie die knatternden Schläge von Taubenflügeln. Die Frequenz Letzterer ist allerdings höher, auch wenn man bei der Lektüre schon mal in Rage geraten kann. Oder in Panik. Die Spitzschopftaube (Ocyphaps lophotes) erzeugt beim hektischen Auffliegen mit der achten ihrer zehn Schwungfedern einen schrillen Warnlaut, der ihre Artgenossinnen alarmiert. Auch im Feuilleton, so scheint es, flattern die Begriffe herum wie ein aufgescheuchter Taubenschwarm. Alles schwingt sich gleichzeitig zum geflügelten Wort auf, und niemand versteht mehr sein eigenes. Die Stadttaube stammt von verwilderten Haus- und Brieftauben ab, die wiederum aus Felsentauben (Columba livia) gezüchtet wurden. Erst domestiziert, dann ihren Besitzern entfleucht, aber ein Kulturfolger und bisweilen arg zerfleddert, ähnlich steht es um unsere Begriffe. Sie kacken uns auf den Kopf, als wären wir nur noch Denkmäler unserer selbst, in Hochmut erstarrt. Nehmen wir nur den Begriff der Freiheit. Jeder befürwortet sie im Allgemeinen, aber trippelt sie gurrend über den Fenstersims, wird sofort der Kammerjäger gerufen. Die Taube sitzt inzwischen auf dem Dach. Oder im Baum. Er verästelt und verzweigt sich. So stellt man sich mitunter eine ernsthafte Diskussion vor: in immer feineren Differenzierungen verlaufend. Als einen Baum der Erkenntnis. Manch Feuilletonisten, von welcher Schlange auch immer umzüngelt, gelüstet es nach den lockenden Früchten.

 

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Franziska Bauer

Ist Normalität ordinär?

Vom ganz normalen Wahnsinn.

In seinem Tractatus logico-philosophicus sagt Wittgenstein: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Sprache schafft Bewusstsein, Sprache ist Bewusstsein. Ohne Sprache kein kohärentes Denken. Dabei ist Sprache nicht festgeschrieben, sie wandelt sich, ist in stetem Fluss. Wortbedeutungen fluktuieren. Wörter schillern bunt und mehrdeutig wie schlüpfrige Fischchen, kaum glaubt man, sie gefasst zu haben, entgleiten sie der Hand, die sie fassen will. Sehen wir uns deshalb vor Beantwortung der im Titel gestellten Frage, ob Normalität ordinär sei, die Wörter „ordinär“ und „normal“ einmal näher an.

Der Online-Duden listet das Wort „ordinär“1 als Adjektiv, das durchschnittlich seltener als ein Mal in einer Million Wortformen des Dudenkorpus belegt ist, und schreibt ihm zwei Bedeutungen zu, eine veraltete und deshalb eher wenig gebräuchliche im Sinne von „gewöhnlich und alltäglich“ und eine abwertende, die synonymisch ist zu „unfein, unschicklich, von schlechtem Geschmack
zeugend“. Bezüglich der Herkunft verweist der Duden auf das französische „ordinaire“ = „gewöhnlich, ordentlich“ und das lateinische „ordinarius“ = „ordnungsgemäß, ordentlich“. Im Englischen, das man ja die Halbschwester des Romanischen nennt (was durchaus machtpolitische Gründe hat, denn Wilhelm der Eroberer machte das Altfranzösische zur Amtssprache, nachdem er die Schlacht von Hastings gewonnen hatte und zum Herrscher von England geworden war), heißt „ordinary“ schlicht „normal, allgemein üblich“. Das abwertende „ordinär“ wäre mit „indecent, vulgar“ zu übersetzen. Herr Otto Normalverbraucher ist im Englischen somit „just an ordinary person“.

 

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Alexander Estis

Von der Vulgarität der Empörungskultur

Ein Aufschrei gegen den Aufschrei.

Es liegt kein besonderes Verdienst darin, politisch zu sein; fast alle Menschen sind politisch, auch und zumal die banalsten und dümmsten, ja sogar Politiker sind manchmal politisch. Auch wenn wir das mittlerweile wissen könnten, erschallen doch von überall her, von links wie von rechts, die trivialpolitischen Selbstoffenbarungen penetranter denn je und fordern in ihrem dumpfen Dröhnen aus unerfindlichen Gründen bewundernde Anerkennung, nicht bloß unbekümmert darum, feineren Ohren den Garaus zu machen, sondern in dem entschiedenen Willen, alle Stimmen anderer Tonlagen zu übertönen, mitunter wohl aber auch mit dem kaum bewussten Ziel, die letzten Reste eigener innerer Polyphonien unhörbar zu machen.

Meisterstück und zugleich vulgärste Äußerungsart dieser selbstdarstellerischen und autoaffirmativen Erregungskultur ist die von moralisch unfehlbaren Kreuzritterimitatoren bühnenreif ins Werk gesetzte verbale Hyperventilation in oktroyanten Empörungstiraden, kulminierend in einem argumentativ inartikulierten Aufschrei (womit nicht der Hashtag und die damit verbundene Diskussion gemeint sind), dessen Prämie einer scheinbar paradoxalen Logik folgt: je stärker der pseudoalert-alarmistische Lärm, desto ruhiger der Schlaf des Gerechten. Je schroffer das Kreischen, desto gewisser die Verbundenheit der Peers. Je betroffener die Opferrhetorik, desto legitimer der Machtanspruch. Um nicht missverstanden zu werden: Das Recht auf  Empörung ist fundamental – so fundamental, dass man um seinetwillen gern auf andere Rechte verzichten möchte, nur um sich anschließend über deren Verlust empören zu können. Ich empöre mich für mein Leben gern, ob über derart bestürzungswürdige Erscheinungen wie närrische Tyrannen, findige Fundamentalisten und plumpe Populisten, Verschwörungstheorien, Religionskriege oder die Absurdität aller menschlichen Existenz, ob über so marginale wie das Hamburger Schietwetter, Eselsohren in bibliothekarisch erworbenen Büchern, die veränderte Form des Netzwerksymbols
im neuesten Update von Windows 10, ja sogar über Richard David Precht.

Allerdings empört mich die Vulgarität solcher Inszenierungen eines narzisstischen Entrüstungstheaters, wie es ihnen mehr als um die wirklichen Hintergründe um das splendide Styling, den gloriosen Auftritt, die wohlfeilen Ovationen zu tun ist. Sie bilden mithin das genaue Gegenteil jener hohen Kunst der distinguierten Indignation, die, einmal provoziert, in ihrem argumentativen Misstrauen den Diskurs der Gegenpartei ins Visier nimmt, ohne zur Ruhe zu kommen, bevor sie ihn aufs Gründlichste seziert hat, und die insofern Ansporn zu raffinierter Kritik, jedoch auch Beweggrund für aufmerksamen Dialog sein kann.

Marco Rauch

Aufklärung

Nichts, rein gar nichts, bereitet einen auf das Massaker einer zerfetzten Vorhaut vor.

Niemand sagt einem, was man bei einer abgerissenen Vorhaut tut. Oder klärt einen darüber auf, was zu tun ist, wenn man sich beim Stutzen der Schamhaare mit der Schere in die Hoden schneidet. Was tut man, wenn einem gleich nach dem ersten Mal Analsex, nachdem man der Freundin so lange versichert hat, dass der Anus eine der erogensten Zonen des Körpers ist und man natürlich besondere Vorsicht dabei walten lässt, wenn einem ein paar Tage später ständig Tropfen einer durchsichtigen, schmierigen Flüssigkeit aus dem Penis kommen. Dauernd hat man eine feuchte Unterhose. Man ist undicht. Und man kann nach dem Pinkeln so viel wischen und tupfen und sich abtrocknen, wie man will, die Flüssigkeit kommt immer wieder. Tropft unaufhörlich aus einem hinaus. Das alles nur, weil man keinen Gummi benutzen wollte. Weil man findet, dass ein Gummi abtörnt. Weil er schon beim Überstülpen den Penis zum Erschlaffen bringt. Und ja, auch das: weil man unbedingt in den Hintern seiner Freundin abspritzen wollte. Weil man es zu oft in Pornos gesehen hatte, um es nicht mal selber ausprobieren zu wollen.Was macht man gegen einen aufgescheuerten, ausgetrockneten Penis? So trocken, dass bei jeder Erektion feine Hautrisse aufplatzen und in der weißen Unterhose rote Pünktchen hinterlassen. Weil man jung und ohne Freundin und ständig am Onanieren ist.

 

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Martin Baumgartner

Geo

Das Ordinäre reicht weit über das hinaus, was man in unserem Sprachgebrauch damit verbindet.

In meiner Schule gab es einen eigenen Geographiesaal. Wenn Geo-Stunde war, wanderte man in diesen Raum, etwas größer als ein normales Klassenzimmer. Dort hingen Österreichkarten und Weltkarten an der Wand und es gab Lehrtafeln über den Mond und das Sonnensystem. In einem Nebenraum lagerten die verschiedensten Globen und eine Unzahl physischer und politischer Karten, feinsäuberlich zusammengerollt. Lehrkräfte, denen man die Berechtigung zugestanden hatte, die Jugend mit all dem bekannt zu machen, taten dies so gut sie konnten, weckten aber selten Begeisterung, ja meist nicht einmal ein kurzes Interesse bei den ihnen Anvertrauten. Diese dösten teilnahmslos vor sich hin, hofften auf die baldige Pause und kommentierten ihren Zustand oder die Gedanken, denen sie gerade nachhingen, mit mehr oder weniger gelungenen Skizzen oder Aphorismen, die sie mit der Spitze ihres Zirkels in die dunklen Tischplatten ritzten.

Über zwei Jahrzehnte der Fadesse waren so dokumentiert und der Geographiesaal eine wahre Fundgrube für jene, die sich für die Gedankenwelt ihresgleichen interessierten. Vor allem in den oberen Klassen, wo wir oft spontan die Plätze tauschten, gaben die alten Tische immer wieder etwas preis, was wir entweder bis dahin noch nicht entdeckt hatten oder was erst jüngst hinzugefügt worden war.

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Doris Neidl

Einbauküche

Was ist schon normal?

Da lädt man Freunde, die Topmanager und Chefredakteure sind, zum Essen ein, und man ist eh schon ein bisserl nervös, weil es einem irgendwie peinlich ist, in einer 1-Zimmer-Wohnung zu wohnen, ich kenne ja ihre Häuser, Küche hat man auch keine „richtige“, ich meine so mit Einbau und glänzend, und dann fällt auch noch der Lampenschirm aus Glas herunter. Eine Frau in meinem Alter sollte eine schöne, glänzende, moderne Einbauküche bzw. herzeigbare Wohnung haben, dem Alter entsprechend. Das tue ich aber nicht. Schuld an der ganzen Geschichte hat ja irgendwie Margarete Schütte-Lihotzky. Hätte sie die Frankfurter Küche nie gebaut, gäbe es jetzt keine Einbauküchen. Ich will ja gar nichts sagen über die Frankfurter Küche, die ist ja wirklich
toll, aber trotzdem. Mit 101 Jahren soll Schütte-Lihotzky ja gesagt habe: „Wenn ich gewusst hätte, dass alle immer nur davon reden, hätte ich diese verdammte Küche nie gebaut.“

Das ist aber jetzt zu spät, jeder will eine Einbauküche. Sogar ein 90-jähriger Freund hat sich erst neulich eine Einbauküche gekauft. Irgendwann muss es sein, hat er gesagt. Ich aber habe eine winzige Küche und Wohnung. Ich koche gerne, aber wenn Leute kommen, um mich zu besuchen, schauen sie mich traurig an. In Österreich ist es sehr wichtig, eine Einbauküche zu haben. Einmal habe ich eine Freundin, von der ich schon länger nichts mehr gehört habe, angerufen, um sie zu fragen, ob sie auch eine Einbauküche habe, und sie sagte „Ja!“ – mein Herz brach. Dann lachte sie wieder: „Stimmt eh nicht. Ich verstehe, was du meinst. Aber ich sage dir, ich habe Töpfe und Pfannen und kann leckere Mahlzeiten für alle kochen.“ „Lecker“ sagt sie nur, weil sie Deutsche ist.

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Michael Helming

Das Ding mit der Pussy

Der vielstimmige Durchschnittsstarschnitt zum Sammeln.

Jeder kennt das: Man hat einen Song im Ohr und der geht nicht mehr weg. An dem Morgen war das ein extrem pathologischer Loop von Burning Down the House, nämlich nur die Zeile „I am an ordinary guy“, in Endlosschleife, intoniert von einer Clusterstimme, die mein Zerebralmischpult zu gleichen Teilen aus denen von David Byrne, Tom Jones und Nina Persson  zusammengeschustert hatte. Das klang beklemmend, was meine Gefühlslage widerspiegelte, und die sah man mir offenbar auch an, denn als ich im Treppenhaus Frau Krüger begegnete, sagte sie: „Was ist denn heut mit Ihnen los? Sie sind doch sonst immer so fröhlich.“ Meist wünschten wir einander nur kurz Guten Tag. Frau Krüger und ihr Mann wohnen auf derselben Etage; ganz gewöhnliche Rentner, normal und durchschnittlich. Im Amtsdeutsch hieße das: keine besonderen Kennzeichen. Dunkel erinnerte ich mich: Als ihr Mann den Siebziger hatte, hingen Girlanden um die Wohnungstür und sie  hatten Gäste. Nix Besonderes. Besagte Feier verlief nach außen hin unauffällig und auch sonst schien mir ihr Leben banal, eingefahren, ja fad und ohne spezifische Merkmale. Das Gros der übrigen Mieter sah das vermutlich ähnlich. Nun, dieser Tag sollte neue Messlatten anlegen.

Noch deutlich vor zehn – einfach gar nicht meine Zeit – kam ich an jenem Vormittag aus der Apotheke, mit meiner allerersten Packung Ramipril; wobei der Singsang in meinem Kopf mich subtonal mit der Frage konfrontierte, ob ich überhaupt noch ein „ordinary guy“ sei und nicht bereits out und abgeschrieben; ich würde das Zeug ja fortan schlucken bis kurz vor Kiste. Still hörte Frau Krüger mein Klagen, obwohl wir ihre Wohnungstür bereits erreicht hatten. Die stand offen und darin ihr Mann, der ebenfalls schwieg.

 

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Dirk Werner

Mondänes Firmament

Das Gewöhnliche und das Ungewöhnliche.

Wo ich bin, da ist auch Berlin. Jedenfalls habe ich das vor ein paar Jahren für mich festgestellt: Ich habe mir das Berlinerische – jedenfalls zum Teil – mit hierhergebracht ins Schwäbische, wo ich jetzt lebe. Und das Berlinerische – der Berliner Dialekt, die Berliner Haltung, die sich hinter diesem Dialekt verbirgt – ist womöglich ordinär. Ordinär in einem guten, positiven Sinne. Hinter dem Dialekt, hinter der damit verbundenen Schnoddrigkeit, der extremen Ironie und Selbstironie, hinter der vielleicht völlig bewussten Vermeidung von gehobener, akademischer Sprache versteckt sich für mich eine Überlegenheit, Unantastbarkeit, Unangreifbarkeit. Unerschütterlichkeit, Nihilismus, Stoizismus. Hört man den Berliner Dialekt zum ersten Mal, so fühlt man sich vor den Kopf gestoßen. Denn Kühle springt einem entgegen, Nüchternheit bis zur Herzlosigkeit. Und doch: Die Lässigkeit ist es, an der man gern teilhaben möchte. Das Berlinerische ist Punk, ist ein  Doppeldecker-Flugzeug, dessen Motor stottert beim Abheben und stottert beim Landen. Das Berlinerische ist, hört und erlebt man es zum ersten Mal, Peitsche auf die Ohren. Bei meiner Erstbegegnung, meiner ersten Ankunft in Berlin, fühlte ich mich nicht selten geschockt, ausgesetzt dem Fremden, dem Ordinären: dem unverhohlen Ordinären, dem gewollt Ordinären. Da war auf keinen Fall in mir: „Daran möcht‘ ich teilhaben“. Die Sprache ist wider alle Schmeichelei. Holzhammer trifft Holzkopf. Und noch heute, wenn ich nach Berlin zurückkehre, bin ich geschockt, den Berliner Dialekt völlig unverfälscht erneut zu hören, die Berliner Haltung und Haltungen dem Leben gegenüber erneut zu erleben.

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Katharina Körting

„M-Straße“

Warum „historische Substanz“ ganz normal rassistisch ist und wieso das nicht mehr normal sein sollte.

Wenn Götz Aly kommt, wird es ernst. Dann ist Schluss mit Pfusch, haltlosen Straßenänderungsforderungen oder Denkmalstürmen. Dann geht es um GESCHICHTE. In Großbuchstaben. Und an  der, also an der „historischen Substanz“, dürfe man nicht „herumpfuschen“, meint der Politikwissenschaftler und Historiker. Also auch nicht am U-Bahnhof Mohrenstraße in Berlin-Mitte oder der dazu gehörigen Straße, deren Name nach Ansicht der Umbenennungswilligen all das ganz Normale transportiert, an das wir Nachkommen der einstigen Namensgeber uns alle so angenehm gewöhnt haben: Rassismus, Antisemitismus, Verdrängung der Vergangenheit, Geschichtsvergessenheit und „Ignoranz gegenüber der eigenen Ignoranz“.

Während die Debatte kocht, äußert sich ein schreibender Kollege: „Die BVG will jetzt einen Bahnhof nach dem bekennenden Antisemiten Glinka benennen!“ Er argwöhnt, dass die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) den Antisemitismus als „gelebte Tradition in Berlin“ weiterführen, „das sagen sie nicht, aber denken es wohl“. Wenn man die Empörung wegstreicht, bleiben die Fakten: Es gibt eine rassistische Tradition in Deutschland, in Europa, auf der ganzen Welt. Es gibt eine antisemitische Tradition. Und es gibt niemanden, der davon frei wäre. Normal ist nicht, gegen Rassismus zu sein, sondern normal ist der Rassismus in den Köpfen, den Jahrhunderte kollektiver eurozentristischer Ideologie dort hineingestopft, -geträufelt, -gesät haben. Und das nicht erst sei Kants hierarchischer Lehre von den vier „Racen“, von denen, imperativ, die „weiße“ als überlegene gilt. Kant forderte auch die „Euthanasie des Judentums“, weil er die Juden als „Vampyre der Gesellschaft“ fürchtete.

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Bernhard Horwatitsch

Erlaubt ist, was gefällt

Sitte und Anstand als freie Selbstbestimmtheit.

Das Sittengesetz ist ein so genannter unbestimmter Rechtsbegriff. Der Inhalt eines solchen Gesetzes ist vage, mehrdeutig und bedarf immer der Auslegung. Man spricht auch von Lücken intra legem und verweist auf eine Generalklausel. Denn das Sittengesetz existiert nicht so wie zum Beispiel das Strafgesetz. Schließlich kann man nicht alle möglichen und vielleicht sogar unmöglichen Sachverhalte antizipieren. Insofern ist es problematisch, wenn im deutschen Grundgesetz die Persönlichkeit nur dann frei entfaltet werden kann, wenn man dabei nicht gegen das sogenannte Sittengesetz verstößt. Denn wie sollte man sich an ein Gesetz halten können, das nicht existiert bzw. immer der Auslegung eines Volljuristen bedarf? Auch die berühmte Würde des Menschen ist von dieser Unbestimmtheit geprägt. Da sich der Würde-Begriff nicht vom zweiten Konjunktiv von „sein“ ableitet, sondern vom Wert des Menschen, könnte man auch Georg Kreisler zitieren:
[J]a das Bier wird teurer, das Papier wird teurer, hab’n die Zeitungen uns jüngst erklärt. Auch das Öl wird teurer und das Mehl wird teurer, nur der Mensch ist nach wie vor nichts wert, denn rein chemisch g’sprochen ist der samt den Knochen vierzig Schilling wert, ganz ohne Spaß. Aber der Wert des Menschen ist natürlich kein Güterwert, auch kein Funktionswert, sondern eine  Wertvorstellung. Und der Witz in Kreislers Lied ist ja, dass es so traurig ist, dass sich die Menschen immer weniger vorstellen können.

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Alice Le Trionnaire-Bolterauer

„wo wir der dinge lachen in kristallner höh“

Stefan George, Stéphane Mallarmé und die anderen.

Schimpfwörter waren in meiner Kindheit verboten – ebenso wie Comics, Stinkefinger oder obszöne Witze. Und seltsam, ja unpassend wäre es uns Kindern vorgekommen, in den abendlichen Erzählungen des Großvaters vulgäre oder gar ordinäre Ausdrücke zu hören. Und dass die Buben aus der Nachbarschaft nicht immer die Grenzen des Schicklichen beachteten und der eine oder andere gar versuchte, einem Mädchen die Unterhose über die Schenkel zu ziehen, war ein absolutes „No-Go“ und Zeichen moralischer Unsicherheit. Die Welt, in der wir lebten, war einfach, ländlich, rustikal und die Sprache war bäurisch, deftig, dialektal und vulgär nur im ursprünglichen Wortsinn als Sprache des Volkes. Die sprachliche wie moralische Norm verlief genau entlang der Linie, die den „Deppn“ vom „Arschloch“ und die „Urschel“ von der „Schlampn“ trennte. Und dann gab es zu alledem noch – aber das würde zu weit führen – eine Gender-Marklinie. Denn während in den von Männern gesungenen Gstanzln durchaus zweideutige Reime auftauchen konnten, sangen wir Mädchen die moralisch und sprachlich gereinigten Volkslieder aus dem Steirischen Liederbuch: „Und wenns amoi schen aper wird …“

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Harald A. Friedl

Wann, wenn nicht jetzt?

Die Normalisierung der Welt als Tourismusprojekt.

Das Universum ist die Gesamtheit aller Seinsformen, gleichsam die Wirklichkeit in ihrer Totalität, mit all ihren Widersprüchen und potenziellen Möglichkeiten. Jene, die dieses Universum in seiner Gesamtheit zu durchschauen versuchen, die „Kosmologen“, gelten für „normale“ Menschen zwangsläufig als „Ver-Rückte“, beschäftigen sie sich doch hauptsächlich mit Belangen, die jenseits einer alltäglichen, vertrauten und vor allem „be-greifbaren“ Normalität zu existieren scheinen, wenn überhaupt … Dort, in ihrer unberührbaren, abstrakten Welt, tummelt sich alles Unfassbare, Außerirdische, ja Göttliche, an dem sich selbst Wittgenstein mit seinem Tractatus die Zähne ausgebissen hatte. Denn das Unbekannte ist notwendig noch ungedacht und bleibt damit vorerst auch undenkbar, da bar jeglicher irdischer Begrifflichkeit, weshalb man „davon schweigen“ müsse: Solch geballte Jenseitigkeit vertrauter Normalität befremdet, verstört, verlangt nach
gewohnten und bewährten Mechanismen der Beschwörung, Unterwerfung, Vereinnahmung, Verwortung.

Religionen, einst vom Grazer Philosophen Ernst Topitsch als „plurifunktionale Führungssysteme“ bezeichnet, spinnen filigrane Netze von außeralltäglichen Begriffen, um nach dem Unfassbaren zu fischen, komplexe mutmaßliche Zusammenhänge mit ihren erstaunlichen Ausdrucksformen einzufangen, zu zähmen und einzubinden in die vertraute Welt. Das Undenkbare wird auf diese Weise begreifbar, durchschaubar, katalogisierbar in „gut“ und „böse“, „schön“ und „hässlich“, „wahr“ und „falsch“, „diesseits“ und „jenseits“ … und mit einem Schlag verwandelt sich, was zuvor am kalten, schwarzen Nachthimmel als anonyme Lichtpunkte glomm, wie durch Zauberhand in ein lesbares Firmament aus Wegweisern und Leitsternen. Die Welt wird geregelt und damit bewältigbar, nutzbar, urbar, ehrbar … normal!

Normalität ist das Rückgrat des Sauriers, um seinen Organismus von einer Fress- und Kotstelle zur nächsten zu bewegen. Normalität ist das Wasserglas des Goldfisches: Bedingung und zugleich Grenze seiner Handlungsfähigkeit. Die Welt lässt sich als ein Kaleidoskop von unterschiedlichsten Lebensformen verstehen, die Ausdruck ihrer jeweiligen, vielfältigen Lebensräume mit jeweils eigenen Regelstrukturen sind. Der Horizont ihrer Handlungsfähigkeit entspricht den Grenzen ihrer Welt, ihrer Normalität, ihrer „Sprache“. Jenseits dieser Grenzen vegetieren die „Wilden“ und „Barbaren“, deren Verhalten aus „zivilisierter“ Sicht abstrus, weil bezuglos, nutzlos, sinnlos erscheint. Denn zwischen „ihrem“ Handeln und „unserem“ Horizont fehlt jegliche Anschlussfähigkeit.
Ihnen fehlt jegliches Verständnis für „unsere zivilisierte“ Normalität – und umgekehrt. Sie blieben fremd, würde ihnen das „Wilde“ nicht „ausgetrieben“, ihr zugeschriebenes „moralisches Vakuum“ durch „Gutes“ angereichert werden, um sie – aus unserer Sicht – zu qualifizieren für die Aufnahme in den heiligen Kreis der herrschenden Normalität; damit sie durch einen rituellen Akt, etwa eine Taufe, Teil des „Wir“ werden können und damit „normal“. Wer oder was sie zuvor gewesen sein mochten, wird dabei spurlos ausgelöscht.

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Rosemarie Pilz

Adhäsion und Aversion

In der Chemie gibts das ja auch.

Vor einigen Monaten wurde ein schmaler Gleisübergang in der Nähe des Westbahnhofs zum Hotspot des Grätzels. Man traf sich, um bei Knabberzeug und Dosenbier gemeinsam den Sonnenuntergang zu erleben. Alles WG-Mitwohnerinnern, versteht sich. Die sind ja so naiv, haben manche im Vorbeigehen gesagt, froh, dass sie auf Cruising Areas im Allgemeinen gut verzichten konnten. Und für Verzicht gibts Gesundheit. Kein Virus, keine Feigwarzen oder sonst irgendetwas Grausliches. Außer dem Cholesterin ein rundum pipifeiner Status. Ist ja nicht so, dass es diese Elga-Gesundheitsakte dafür gebraucht hätte, gibt man kleinlaut zu.

Das ist fast wie beim Brexit. Noch gestern tanzt Brüssel auf der Nase herum, schon heute ist ein Mundschutz die kleinste Kleingartensiedlung der Welt. Nur die coolen Kids gehen ohne, schreiben sich Boomer Remover aufs Shirt. Während andere zuhause auf einer Skala sitzen und sich den Anschein geben. Keine Sorge, sagen sie zu den älteren Verwandten am Telefon, 10 kommt nicht vor.
Die coolen Kids lachen. Als gäbs 10. Total überschätzt. Chill mal deine Basis, raten sie dir, und stopp die Erderwärmung. Jetzt. Und die, die auf dem Gleisübergang sitzen und der Sonne beim Verschwinden zuschauen, resümieren: Frei ist der Himmel nicht und frei sind wir nicht unbedingt. Hinter uns liegt der Bahnhof, den kennt man schon von 2015. Und man erinnert sich, aber gibt zu, es mache keinen Sinn, eine Krise gegen eine andere auszuspielen. Und überhaupt: Sag nicht dauernd Krise! Und die Einsamen sagen den Händchen haltenden und Luft schnappenden Pärchen beim Vorbeigehen: Können Sie bitte Abstand halten! Und der Mann ruft: Hören S’, ich schlaf mit meiner Frau schon seit 20 Jahren in einem Bett. Und die Einsamen antworten: Aber das weiß ja das Virus nicht!

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Johannes Várkonyi

Mut zur Mitte

Warum ist es notwendig, das Wort normal zu erklären?

Vor einigen Jahren habe ich einen Freund als einen der normalsten Menschen, die ich kenne, bezeichnet. Unlängst bin ich, von einer Arbeitskollegin, selbst so bezeichnet worden. Ich und meine Kollegin haben diese Aussage beide als Kompliment verstanden und uns doch, unabhängig voneinander, dazu genötigt gefühlt, das zu erklären. Wenn Sie so ähnlich denken wie ich, ist damit eigentlich alles gesagt. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Naja, man hört sich doch selbst am liebsten, außerdem will man ja gedruckt werden. Also: Natürlich hat das was zu bedeuten und natürlich muss man darüber sprechen, aber man muss sich auch ein wenig schonen und dem will ich mich widmen, dem Schonen, der Ruhe. Titten! Würde ich den letzten Satz lesen, würde ich das, worauf auch immer er steht, weglegen. Sorry, Macht der Gewohnheit – zu wenig Tschingbum. Ruhe ist nicht sexy und wer liest schon gerne von der Normalität und Ruhe, gerade in Zeiten wie diesen. Deshalb Titten.

Ein Kompliment zu erklären, ist ungefähr so sexy, wie einen Witz zu erklären. Warum macht man dann ein Kompliment, das einer Erklärung bedarf? Weil es ehrlich gemeint war, authentisch. Und in dem Eifer, in dem man ernst gemeinte Komplimente macht, können einem Fehler unterlaufen, wie das Verwenden notorisch unbesonderer Worte wie „normal“. Vor allem heutzutage.

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Eleonore Zorn

Arm, aber sauber

Das verlorene Normale wird zur verblassenden Erinnerung. Das ist der normale Lauf der Welt.

Meine Mutter war Anfang 1946 eine Flüchtlingsfrau aus der Batschka, das ist eine deutschsprachige Gegend im ehemaligen Jugoslawien nahe der Grenze zu Ungarn. Meine Großmutter, die mit uns zusammen vor den Partisanen nach Deutschland geflohen war, war stolz darauf, noch während der K.-u.-k.-Monarchie in Ungarn geboren zu sein. Das änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg und später immer wieder, denn dieser ungarische grenznahe Ort wurde mal diesem, mal jenem Land zugeschlagen.

Ich wuchs mit dem Wort „ordinär“ auf, denn meine Mutter und meine Großmutter benutzten es häufig, um etwas Negatives auszudrücken. Der Tonfall, in dem das Wort ausgesprochen wurde, sagte eigentlich schon alles. Meine Mutter verabscheute ordinäres Gehabe, ordinäre Sprache, ordinäre Kleidung. Sie wusste, was sie damit meinte, denn sie kannte ja schon den Unterschied zwischen „gewöhnlich“ und „außergewöhnlich“ oder zwischen „normal“ und „unnormal“. Ich aber war ein Kind unter Kindern, wollte sein wie alle anderen und was ich sein wollte, das war das Normale, das in alten Zeiten als ordinär bezeichnet wurde, jedoch ohne moralische Abwertung. Es bezeichnete den Normalzustand, den Normalbürger, den man in Frankreich „citoyen ordinaire“ nennt. Ein solcher Normalbürger will doch jeder kleine Erstklässler sein, insbesondere dann, wenn, wie in meinem Falle, die Umstände dafür gesorgt hatten, dass ich, das Flüchtlingskind, mich schon dadurch von den anderen unterschied, dass ich nicht hier geboren war. Ich gehörte nicht zu den Einheimischen, meine Mutter, Großmutter und meine Schwester auch nicht, auch nicht mein Vater, der irgendwo in Gefangenschaft war. Schon allein dass ich einen anderen Dialekt und gelegentlich etwas Kroatisch sprach, hätte genügt, um mich vom Normalen, dem Ordinären, zu unterscheiden.

 

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Elisabeth Wandeler-Deck

Eine Rille ein Äquator

Das verlangsamte Kind mit den blut-verschmierten Füssen hat etwas gesehen.

Ich merke an. Es gibt da noch etwas anzumerken. Wenn sie es wäre, sie eine Anmerkung, wäre anzumerken. Ich füge den, dem,  der (Sätzen; Zeit; Wald; Ufer; Stadtrand; Tretrollerfahrerin; Kindern; Hauseingang; Grab) Sätze, Wörter zu. Ich füge zu. Nein, ich füge nicht bei.

Ich füge zu, ich erzähle nicht. Ich spreche ab jetzt von Randgängen der Erinnerung, ich erinnere mich als Wohnung, insofern
Wohnung als Metapher für Gedächtnis herhalten wollte, eine Wohnung als Gebiet für ein Schweifen, für schweifendes Schauen, es gibt den Ausdruck, etwas zur Hand nehmen, ich nehme, was mich als winzigstes Erinnerungsbild anspringt, zur Hand und betrachte es in Sprache. Als ob ich eine Wohnung zu räumen hätte, ich habe viele Wohnungen (nicht) geräumt.

Schnappsätze? Oh ein Fachbegriff, wirklich, mir zugefügt, längst, von da ins Unbekannte des Textes stolpern finden? Wie macht das Hélène Cixous in Manhattan, wo sie sich der in die mit Vergessenheit einschreibt befasst und verschiedene Textarten Schreibweisen Genres, was soll ich sagen, ich behaupte da einiges gerne, aufeinanderstoßen lässt, nochmals anschauen lesen; einfach mal horchen probieren. Oh und wie hat es de Alessandro vorgeführt vorgeschlagen hingeschrieben, ausgesagt. Aufgreifen! Zupacken! Nachmachen! Was normal ist, bestimmt die Mehrheit. Aneignen! So eine vorhandene vorgefundene ausgeschnittene hergeholte abgetretene zerfetzte saubere Textfläche als ausreichenden nimmersatten einflüsternden Grund nehmen, nehmen
verdrängen wegschreiben, in eine Vergessenheit treiben und so in der Verlassenheit des Textes Miss-, auch Ungeratenes an die Oberfläche treiben sehen? Als Bergriff?

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Dominika Meindl

Freiheit und zerbissene Hundeohren

Mein Ausflug in die Gemeinschaft.

Erst in meinem 42. Lebensjahr ging mir die Kraft im Ringen um Individualität aus. Eine mittlere Befindlichkeitskrise, eine über Tage anhaltende Stimmungseintrübung im September führten mir vor Augen, dass ich nichts Besonderes war und auch nicht  mehr werden wollte. Vielleicht hatte die Wetterberichterstattung Anfang August den Keim gelegt, die zur Halbzeit schon von einem „außergewöhnlich durchschnittlichen Sommer“ sprach, und ich las das mit dem mich selbst überraschenden Gefühl einer grundlegenden Zustimmung. Das müsste doch reichen, dachte ich, und dass ich wahrscheinlich ohnehin nie das Zeug für einen Platz an der Spitze gehabt hatte, in keiner Sparte – abgesehen von Selbstboykott und Mittelmäßigkeit.

Als der Nussbaum also begann, mit seinen fallenden Blättern den Pool (Normanfertigung Stahlwandbecken, 6 Meter Ø) zu  versauen, erlosch in mir das Bedürfnis, mich von anderen abzugrenzen, vor allem nicht durch Exzellenz. Von der Scham befreit, etwas Besseres zu sein, legte ich mich hin wie müdes Laub. Ich fühlte mich nach diesem Distinktionsinfarkt wie Bobby McGee in Baton Rouge, es war o. k., dass es nur o. k. war. Es war wie in die Hose machen im eisigen Ozean, es war wie das Entzünden des letzten Zündhölzchens vor dem Erfrierungstod. Es war melodramatisch und unglaublich entspannend. Ich hatte nicht einmal das Gefühl, dass das ein gutes Statement gegen die neoliberale Leistungsgesellschaft sei, ich war gegenüber meinem eigenen  ständigen Meinen und Interpretieren und Sondieren und Kategorisieren ertaubt. Als sei ein alter Tinnitus verklungen.

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Sibylle Severus

Der Hut

Der Fremde schaute immer aus dem Fenster im ersten Stock, die Unterarme auf einem  Kissen, den Hut auf dem Kopf, das Jackett eines Zweireihers über kragenlosem Hemd.

Als Herr Kim Jong-un mit der Eisenbahn von Pjöngjang zu Herrn Putin nach Wladiwostok reiste, trug er einen Hut auf dem Kopf. Zunächst fragte ich mich, ob Herrenhüte aus Biberhaarfilz, handgebügelt, mit Seidenripsband, in Nordkorea Mode sind oder in Russland. Nie sah ich in letzter Zeit in den Medien Politiker mit Haarfilzhüten. Während ich nach einem Grund für die Kopfbedeckung suchte und keinen fand, denn Herr Kim hat reichlich kohlschwarzes Haar, fiel mir der Mann im Fenster wieder ein. Auch er hatte genügend Haar gehabt, eisgraues, und keinen Grund, es zu verstecken.

Wenn der Flüchtling, Herr András, damals im Innenhof des Mehrfamilienhauses Holz gehackt hatte, trug er ebenfalls den Hut – meine ich, mich zu erinnern. Genau weiß ich noch, wie er mit dick verbundener Hand herumlief. Er hatte sich aus Versehen beim Holzhacken den rechten Daumen abgetrennt, der ungeschickte Jurist und Linkshänder, der er war. Der fehlende Finger fiel nicht weiter auf, bei den vielen  Kriegsversehrten im Land. Doch wenn man ihm die Hand geben wollte, fehlte der Daumen.

Sein Studium der Jurisprudenz an einer ungarischen Universität hatte in unserem bayerischen Ort rein gar nichts genützt. Wenn schon Studium, dann Medizin, oder einen Ingenieur im Brauwesen, das hätte Türen geöffnet.

András hatte redlich versucht, sich nützlich zu machen. Er hatte das Holz, das seiner Vermieterin (einer Hiesigen) vom Forstamt jährlich zugeteilt wurde, in kachelofengerechte
Scheite hacken wollen. Der Versuch missriet. Und nun?

Nun sah der Mann aus dem Ungarnland aus dem Fenster/ stundenlang/ mit dem Hut auf  dem Kopf.

 

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Syna Sais

patrinär

ne du

ne du lieber vergessen du lieber / was hätt ich denn
davon wenn ichs nicht vergesse / was wäre das denn
für eine geschichte wenn man sich dran erinnert / wenn
man das noch spürt diesen stich diese baumwurzelkrone
diesen deinen lovehack / mein lieber was hätt ich denn
davon

 

mehr Lyrik von Syna Sais finden Sie im Heft

 

Martin Bachler

Das Raunen der Albe

Das Raunen der Albe

I.
Das neue Coronavirus ist nun auch in Europa angekommen. Hierzu werden auch in Österreich Vorkehrungen getroffen. Im Gesundheitsministerium und an den Flughäfen herrscht rege  Aufmerksamkeit. Experten geben aber Entwarnung, Grund zur Sorge gäbe es in Österreich bislang nicht.

Frau Albe horchte auf diese Nachrichten. Ein neuartiger Virus mochte gut und gerne China befallen, aber in Österreich brauche man sich ja soweit keine Sorgen machen. Es wurde wohl wieder Sensation gemacht. Sie blickte auf das Bild ihres verstorbenen Mannes und horchte dahin. Es vermeldete sich nur ein kleiner Druck auf ihrer Brust, sonst kaum etwas.

Manchmal sah sie das Bild etwas eigenartig im Gestelle glänzen, aber sie war ja auch schon alt. Man konnte sich nicht mehr auf jeden Eindruck verlassen. Die geistigen Rinden gaben schon ein wenig nach.

Sie hievte sich mit aller Kraft vom breiten und tief eingeknautschten Fauteuil hoch und trieb sich in ihrer knorpelnden Masse bis zum Fenster vor. Im Innenhof hallten die vielen in Gerüche gefetteten Stimmen aus dem Gastgarten empor. Zum quadratisch eingefriedeten Himmel hoch stoben sie auseinander und mancher Hall schlug sich besonders hartnäckig in den Azur hinauf. Ab und zu hörte man Geschepper aus der Küche, selten das vielfarbige Mordgeschrei des Chefkochs. Die Albe hatte ja viel gehört, er war im Häfen gewesen wegen Totschlags, einmal ein Messer in der Küche nach dem Lehrling geworfen und Alkoholiker, man hört vieles, was weiß man denn schon. Die Leute reden so gern. Die Dämpfe der Gastwirtschaft vergällten ihr oft genug die Zimmeratmosphäre, aber so sehr sie auch darüber schimpfte, so verbrachte sie doch viel Zeit an diesem Fenster. Das Getümmel im Hof erregte ihren Geist. Ein kleines Geheimnis (vielleicht war es auch ihr selber so halb geheim): Manchmal, wenn das Fenster offenstand und sie am Brette lehnte und im warmen Nachmittagslicht einsinkend so etwas vor sich hindämmerte, dann „schlürfte“ sie so ein bisschen die Luft.

Das mag dunkel bleiben, aber ihr verstorbener Ehemann Hannes hatte damals sehr gerne die Geschichten vom Goldwaschen gehabt. Einer seiner Urgroßonkel aus Tirol war im ausgehenden 19. Jahrhundert nach Amerika überschifft, um mit dem Goldwaschen reich zu werden. Hannes liebte diese Geschichten bis zu seinem Ende und hatte sich seinem Onkel sehr verbunden gefühlt, auch wenn er ihn gar nie kennengelernt hat.

 

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Wolfgang Gulis

66 Meter

Klaus ist an diesem Tag, an dem das alles geschieht, 38 Jahre, 142 Tage und 10 Stunden alt. Am Donnerstagabend letzter Woche entschied er sich, für einige Tage in den Süden zu verreisen. Das tut er – wenn es die Arbeit erlaubt – mindestens einmal im Jahr. Meist, wenn der Frühling Einzug gehalten hat. Klaus arbeitet in einer Werbeagentur, hantiert im Alltag mit Texten, Sprüchen, Überschriften. Aber das ist nicht alles. Er glaubt fest daran, dass er zu mehr berufen ist, als nur schnöde Auftragswerke und Textbausteine zu produzieren. Klaus will Literat werden, Autor, Erzähler. Zu mehr als einigen Kurzgeschichten, die bei Wettbewerben bisher nicht reüssieren konnten, langte es nicht. Noch nicht, wie er immer betont.

Es ist ein warmer Frühsommertag. Die Zypressen und Pinienwälder verströmen ihren betörenden Duft, der für ihn so stark und intensiv Süden beschreibt. Er ist in einen teuren anthrazitfarbenen Armani-Anzug gehüllt, hat gewagt, ein karmesinrotes Hemd ohne Krawatte anzuziehen, und trägt seine teuren Schlüpfer ohne Socken, so wie er es bei Männern im Süden häufig gesehen hat.

Klaus ist auf der engen und gebirgigen Straße viel zu schnell unterwegs. Weil das zu ihm gehört, weil das den Kitzel ausmacht. Traurig und erhaben, melancholisch und euphorisch und vor allem betört von sich selbst und seinem blitzroten Alfa-Sportcabrio, lenkt, schaltet, gibt Gas, bremst, trinkt aus dem Coffee-to-go-Becher und testet die Tourenzahlen und den besten  Beschleunigungspunkt seiner Gänge. Aus den Lautsprechern dröhnt Turandot von Puccini. Er hört die ersten Noten von „Nessun dorma“, die großartigste Arie, die er kennt, wie er nicht müde wird zu betonen. Sein Handy läutet, das auf dem Beifahrersitz liegt. Er schaut auf  das Display. Sie ruft an, aber er will mit ihr jetzt nicht reden, nicht jetzt. Drückt sie weg.

 

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Raoul Eisele

Ich wollt, ich wär …

Warum man mir als Kind Waffen schenkte, hatte ich nie verstanden, zu Fasching als Cowboy, im Sommer mit der Softgun in den Krieg ziehen und mit sieben erstmals eine Waffe abfeuern, eine echte, eine geladene. Dass mein Vater dies einfädelte, hatte ich dir nicht erzählt, auch nicht, dass mein Großvater ein Gewehr in seinem Keller hatte, welches offen rumlag, die Zielscheibe am anderen Ende des länglich gezogenen Gangs neben dem Schutzraum aufgehängt und einen Schemel in der Nähe der Waffe, um auch vom Boden aus, liegend, den richtigen Winkel zu haben, den es brauchte, um zielgenau zu treffen.

Manchmal denke ich an dieses Geräusch, das mich ängstigte, das meine Ohren dröhnen ließ, und wie wenig ich damit, wie wenig ich mit einem Gewehr anfangen konnte und doch nicht auskam, dieses abzufeuern – ein Mann, ein richtiger Mann, solle aus mir werden, wie John Wayne, wie Terence Hill oder Bud Spencer, nur nicht gar so dick – obwohl ein Bierbauch nicht schade, ein richtiger Mann hatte schon immer, wird immer einen Bierbauch haben, einen Waffengürtel um die Hüfte und ein schelmisches Grinsen im Gesicht – ein Lächeln, welches friert, ein Lächeln, welches einschüchtert, hattest du immer gesagt.

Rezensionen

Buch

Nadia Rungger:
Das Blatt mit den Lösungen. Erzählungen und Gedichte.

2020: A. Weger, S. 152
rezensiert von Nina Köstl

Die Besonderheiten der alltäglichen Dinge Nadia Runggers „Das Blatt mit den Lösungen“ – ein überzeugendes Debut. In ihrem 2020 erschienen Buch Das Blatt mit den Lösungen entführt Nadia Rungger ihre

Buch

Katharina Körting:
Rotes Dreieck. Chronik eines Verrats.

2018: Kid Verlag, S. 228
rezensiert von Werner Schandor

In der PR-Maschinerie Im Roman „Rotes Dreieck“ gerät eine aufrechte Texterin in das Räderwerk eines Wahlkampfs. Eine uralte amerikanische Blues-Weisheit lautet: „You can’t judge a book by it’s cover“ (Willie

Buch

Roman Markus:
Dings oder Morgen zerfallen wir zu Staub

2020: Droschl, S. 232
rezensiert von Hermann Götz

Wie war das noch mal? Roman Markus hat mit „Dings“ einen wunderschönen Roman aus den 1990ern geschrieben. Natürlich ist es Zufall, dass der Autor Roman heißt. Und sein Roman (wie

Buch

Tonio Schachinger:
Nicht wie ihr

2020: Kremayr & Scheriau, S. 304
rezensiert von Heimo Mürzl

Der Käfigkicker Ein unwiderstehliches Solo auf der Schreibmaschine: Tonio Schachingers Debütroman „Nicht wie ihr“. Wer keinen Bugatti hat, kann sich gar nicht vorstellen, wie angenehm Ivo gerade sitzt. Tonio Schachinger

Buch

Werner Schandor:
Wie ich ein schlechter Buddhist wurde

2020: edition keiper, S. 200
rezensiert von Heimo Mürzl

Schotterbänke der Vernunft Werner Schandor hilft beim Nachdenken und plädiert für Menschlichkeit, Offenheit, Aufklärung und Humor.   Werner Schandor, der der Aufgeregtheit und Hektik, dem Tempo und Unsinn unserer Zeit

Buch

Bergsveinn Birgisson:
Die Landschaft hat immer Recht

2018: Residenz, S. 288
rezensiert von Hannes Luxbacher

Die Welt in Bergsveinn Birgisssons 2003 erschienenem Debutroman “Die Landschaft hat immer recht” ist irgendwo zwischen banaler Realität, magischen Halluzinationen und bildreicher Vorstellungskraft angesiedelt. Es ist dem Residenz-Verlag hoch anzurechnen,

Buch

Christoph Dolgan:
Elf Nächte und ein Tag

2019: Droschl, S. 216
rezensiert von Werner Schandor

AUFGEZWUNGENE STARRE In Elf Nächte und ein Tag zeichnet Christoph Dolgan ein dicht gewobenes Psychogramm einer bedrückenden Freundschaft. Das heftigste Kapitel ist jenes, wo die Hauptfiguren Theodor und der Ich-Erzähler

Buch

Tanya Tagaq:
Eisfuchs

2020: Antje Kunstmann, S. 196
rezensiert von Lisa Spalt

Nur nichts verpassen! Tanya Tagaqs Eisfuchs sagt Ja zum Leben. Eigentlich könnte dieses Buch deprimierend sein: ein langweiliges Kaff im Eis, vernachlässigte Kinder, die sich vor ihren betrunkenen Eltern und

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g.u.l.i.s. - new album out now

Wolfgang Gulis, den LeserInnen der schreibkraft als Autor vertraut, veröffentlicht mit seiner Band g.u.l.i.s. “Aliens”, das Nachfolgealbum zum Debut “Just like a river”. Sie können das Album als CD oder

Wolfgang Pollanz: Wie ein Rabe. 66 Song-Stories

Geschichten, die von Liebe, Trennung, Einsamkeit, Tod und immer wieder von Hoffnung handeln. So nahe am Leben, dass sie uns wie unser eigener Schatten verfolgen. Stories wie Songs, die uns

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Unser Mitherausgeber Andreas R. Peternell hat eine wunderbare CD kuratiert, auf der österreichische Musikerinnen und Musiker alte und neue Kinderlieder interpretieren.

Von und mit Clara Luzia, Der Nino aus Wien, pauT, Natalie Ofenböck, Paul Plut, Binder & Krieglstein, Thomas Petritsch, Dorit Chrysler, Erstes Wiener Heimorgelorchester, Teresa Rotschopf, Matthias Forenbacher, Ernst Tiefenthaler, Karin Haberfehlner, Robert Lepenik, Nora Winkler, Laura Rafetseder, Ratrock Tot Sint Jans und The Wichita.
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Heft 36: ordinär

Das Zauberwort pandemischer Tage heißt „Normalität“. Eben noch, also vor der Corona-Phase, das gering geschätzte Synonym für Fadheit par excellence, avanciert erlebte Norm neuerdings zum Sehnsuchtszustand. Für viele ist sie

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Braucht es zum Wandel eine Krise als Impuls? Liebhaber österreichischer Weinkultur werden dem jedenfalls zustimmen. Der sogenannte Glykolskandal war hierzulande bis jetzt das beliebteste Beispiel für die  Wiederauferstehung einer ganzen

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Aber sicher! Das zumindest würde die schreibkraft-Redaktion dieser – doch allzu oft rhetorisch gemeinten – Frage zunächst entgegenhalten. Um sie, die Frage, dann doch ernst zu nehmen. Wir fragen also

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Der Begriff des Anlegens scheint in einem komplexen Bezugsystem aus Geld und Gewalt gefangen: Einerseits können wir Geld anlegen im Sinne von: Vorsorge treffen, dass die materielle Zukunft nicht allzu

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Nachdem wir uns im letzten Heft ausgiebig und durchaus selbstreferenziell dem Schreiben gewidmet haben, dürfen wir Ihnen nun die Ausgabe zur Komplementärkompetenz vorlegen: Denn wozu schreiben, wenn es niemanden mehr

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Als die schreibkraft im Jahr 1998 im Grazer Forum Stadtpark gegründet wurde, wurde sie auf Computern geschrieben und gesetzt, per Diskette an die Druckerei geliefert, gedruckt, gebunden, per Post verschickt

Heft 30: wälzen

Zwei aufeinander laufende Dichtflächen aus Siliciumcarbid oder Keramik ergeben eine wunderbare Balg-Gleitringdichtung, die zur Wellenabdichtung in sehr vielen Umwälzpumpen Verwendung findet.

Heft 29: verspielt

Manchmal kommt es vor, dass der Ernst des Lebens keinen Spaß mehr macht. Wenn alles gut geht, kommt sodann die Zeit des Humors, der Ironie oder der Parodie. Wenn es

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