Möchten Sie das Abendmahl?
Im Frühjahr 1945 war meine Mutter zusammen mit ihrer Schwester auf der Flucht in den Westen. Sie sprach nicht darüber, auch nicht, wenn ich nachfragte. Mit zwei Ausnahmen.
Erstens: Sie habe den Talar meines Vaters mitgenommen, damit er was zum Anziehen habe, wenn er nach dem Krieg wieder seinen Beruf als Pastor ausüben würde. Ich fragte mich, ob das zum absolut Notwendigen gehörte, was frau auf einer Flucht so mitnimmt. Vielleicht hat der Talar auch als Decke gedient. Es war kalt in diesem Frühjahr.
Zweitens: Sie würde nie vergessen, was die alten Frauen für sie getan hätten. Es ist bekannt, wie es im Frühjahr 1945 auf den Straßen des „Tausendjährigen Reiches“ zuging und was zwei junge Frauen zu befürchten hatten, die allein unterwegs waren. Es kam mehr als einmal vor, dass ältere Frauen sie aus dem Flüchtlingsstrom herausfischten, sagten: „Ihr zwei kommt mit uns”, sie mit zu sich nach Hause nahmen, ihnen ein sicheres, warmes Bett boten und etwas zu essen.
Er hatte sich gewünscht, zuhause zu sterben. Kein Krankenhaus. Wir erfüllten ihm diesen Wunsch. Der Hausarzt war auf unserer Seite.
Als Papa ins Koma fiel, regte der Hausarzt an, ein höhenverstellbares Krankenbett aufzustellen. „Nein“, sagte Mutti. „Auf keinen Fall. Dann kann ich nicht mehr neben ihm liegen und seine Hand halten.“
Der Arzt lächelte und ging. Als ich am nächsten Morgen nach den beiden schaute, konnte Mutti nicht aufstehen, weil Papa ihre Hand so fest umklammert hielt. Wir streichelten ihn und lösten vorsichtig die Finger. Mutti sang ein Kirchenlied.
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