Sorgen als gutes Zeichen
Es ist so, dass, wenn zwei Menschen, die man über alles geliebt hatte, der eine erwartet, der andere unerwartet, innerhalb eines Jahres sterben, alle Sorgen plötzlich verschwunden sind. Es ist egal, was auf der Welt passiert. Das war neu für mich. Der Schmerz war so überwältigend groß, dass alles andere klein wurde.
Wenn einem dann die Augenärztin sagt, dass man jetzt 10 Dioptrien hätte, bekommt man einen Schock. Die Ärztin schaute mir ganz ernst in die kurzsichtigen Augen und fragte, was in den letzten zwei Jahren passiert sei. Nichts, antwortete ich und ging nach Hause. Dort legte ich mich ins Bett und weinte. Plötzlich tat ich mir unendlich leid. Das ist eigentlich sonst gar nicht so meine Art. Aber ich tat mir leid, weil der Vati tot ist. Ich tat mir leid, weil der John tot ist. Ich tat mir leid, weil sich in Wahrheit kein Schwein für Kunst interessiert, außer man ist berühmt. Dann tat ich mir auch gleich leid, weil ich nicht berühmt bin. Ich tat mir leid, weil ich eine Gleitsichtbrille (in meinem Fall Gleitsichtlinsen – wie auch immer das funktionieren soll) brauchte. Und ich tat mir auch ein bisschen leid, weil ich in meiner neuen Wohnung nur zwei Herdplatten anstatt vier hatte. Wie sollte man da ordentlich kochen? Gott sei danke hörte ich später, dass auch Karl Lagerfeld nur zwei Herdplatten hatte. Jedoch stellt sich die Frage, ob er jemals selbst kochte. Jogginghosen hatte er ja anscheinend auch nie an (er verkaufte sie nur um einige hundert Euro) und daraus lässt sich schließen, dass er vielleicht nicht oft in seiner Zwei-Herdplattenwohnung war. Mein Vater war übrigens auch ein Verfechter der Jogginghosen-Kontroll-Verlusts-Theorie und hätte sich niemals in einer Jogginghose ins Wohnzimmer oder sonst wohin gesetzt, geschweige denn darin gekocht.
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