oder Die Vorsorge, die ich treffen möchte
Wie oft wird diese Frage in meist junge, von den Jahren, die vergangen, die über Höhen und Tiefen gezogen sind, noch unversehrte Ohren gelegt: Wo siehst du dich in so und so vielen Jahren? Diese Frage soll Anstoß sein, Motivation dafür, sich an einen anderen, an einen besseren Ort zu imaginieren, an dem die eigene Zukunft stattfindet.
Wo ich stehen werde? Mit beiden Beinen fest auf einem Boden, der Früchte trägt, die Früchte meiner Arbeit, die Früchte meines Fleißes, meiner Begabung, meines Durchhaltevermögens. Der Ort, an dem ich mich jetzt gerade befinde, ist lediglich eine Etappe auf dem Weg dorthin, wohin ich gelangen möchte. Meine Zukunft ist ein Ort, den ich erreichen kann: Sofern ich mich genügend anstrenge: sonst bleiben meine Möglichkeiten auf der Strecke; sofern ich lange genug durchhalte: sonst liegt das, was ich werden will und was ich sein könnte, plötzlich außerhalb meiner Reichweite, was nicht sein müsste, denn meine Reichweite, so wird mir unermüdlich versichert, könne ich ganz allein bestimmen, sofern ich … und so weiter und so fort.
Die Frage, wie ich mich in so und so vielen Jahren sehe, hat mir bislang noch niemand gestellt. Sie taucht, vielleicht nicht ganz, aber doch in dieser Vehemenz zum ersten Mal in meinem Leben auf, als ich mit meiner Freundin und Kollegin Ilse einen Alterssimulationsanzug ausprobiere. Es war Ilses Vorschlag, diese Zeitreise gemeinsam zu unternehmen: Ein Fotograf dokumentiert, wie wir, unter der Anleitung eines Trainers, im Handumdrehen um fünfundzwanzig Jahre älter werden. Es geht ganz einfach: Wir ziehen Handschuhe an, die unseren Tastsinn und die Beweglichkeit unserer Finger einschränken. Um unsere Ellenbögen und Kniegelenke schnallen wir Manschetten, um unsere Sprung- und Handgelenke Gewichte. So werden unsere Bewegungen schwerer. Wir schlüpfen in Schuhe, die unsere Schritte schwankend machen und unsicher, wir verlieren an Boden. Eine Weste, die zehn Kilogramm wiegt, beschwert unsere Oberkörper, eine Halsmanschette versteift unsere Nacken. Die Brille, die wir aufsetzen, verkleinert unser Gesichtsfeld und trübt unseren Blick. Durch die Schalldämpfer über unseren Ohren lassen sich Worte erst ab einer bestimmten Lautstärke und in einer gewissen Tonlage (lieber tiefer als höher) halbwegs passabel verstehen.
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