„Winner“ und „Waste“ im Zeitalter der Biomacht
Wie kann es sein, dass Menschen zu „Müll“ werden? Dass sie, wenn nicht „optimiert“, sprich, den gesellschaftlichen Erwartungen angepasst, automatisch aus der Öffentlichkeit ausgeklammert und von gewissen Bereichen des Lebens getrennt werden? Um hier einen Diskurs zu starten, muss zunächst historisch ausgeholt werden:
Schenkt man dem Philosophen Michel Foucault Glauben, so befinden wir uns im Zeitalter der Biomacht. Unter dem Begriff „Biomacht“ versteht man eine Form politischer Machtausübung, die versucht, Leben zu „schaffen“. Haben wir früher Kriege geführt oder wild getötet – man denke hier nur an die Kreuzzüge und die Hexenverfolgungen –, also versucht, „sterben zu machen“, so liegt der Fokus in unserer heutigen Gesellschaft darauf, Leben zu kreieren und zu optimieren. Dadurch ergeben sich fundamentale Änderungen in der Art, wie Herrschaft und Kontrolle angewendet werden. Erstens, so Foucault, sei durch die Biopolitik eine Zäsur im politischen Handeln passiert; zweitens sei Biopolitik wichtig bei der Entstehung des modernen Rassismus, denn im Rassismus wird die Menschheit in „wertes“ und „unwertes“, in „gerechtfertigtes“ und „ungerechtfertigtes“ Leben getrennt – wobei als Basis für diese Teilung der soziale Status dient. In seinen Werken stellt der Philosoph nun den Begriff der Biomacht dem der Souveränitätsmacht gegenüber. Während es der Souveränitätsmacht, die im vergangenen Jahrhundert vorherrschte, um die Abschöpfung von Gütern, also von Produkten und Dienstleistungen, ging, so rückt im Zeitalter der Biomacht das Recht über Leben und Tod ins Zentrum. Das zeigt sich beispielsweise in den Bereichen der Reproduktion, der In-vitro-Fertilisation, der Eugenik et cetera. Doch damit nicht genug: Auch das „Saubermachen“ zählt in einer Welt, in der die Natur „optimiert“ werden soll, mehr denn je! Und wer soll sauber machen? Natürlich die Individuen, die selbst als „Menschenmüll“ gesehen werden und nur an den Rändern einer Gesellschaft vorkommen dürfen: Meist Menschen mit Migrationshintergrund, meist Frauen – die Existenzen am „unteren Ende der Nahrungskette“ sozusagen.
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