Beim Essen und Trinken kommen die Leute zusammen
Nicht erst seit gestern werden kleine Beisln und Branntweiner – so man von diesen überhaupt noch welche finden kann – vor die Hunde gegangen. An deren Stelle: hohle Systemgastronomie, seelenlose Automaten-Shops und charakterfreie Konzerne, die mehr Arbeitsplätze wegnehmen als schaffen. Die hartgesottenen Tschocherln wirken wie Überbleibsel aus einer fremden Galaxie – für Investoren, die auf ihrem Reißbrett glattgebügelte, herzbefreite Sim-Cities planen, sind diese menschelnden Orte Störenfriede.
Über die Schließung des Café Industrie in Wien im Mai 2017 nach 103 Jahren Betrieb wurde medial berichtet. Andere Beisl-Tode sind oft nicht einmal der Bezirkszeitung eine Zeile wert. Die Namen der Verblichenen bringen das Rattern – nicht nur – des Kopfkinos ins Strudeln: Knusperhäuschen, Zuckerlhittn, Zehn auf einen Streich, Schmähbankerl, Salzamt, Espresso Jersey, Bären- und Teufelsmühle … Dogen- und Adlerhof wurden neu übernommen – und man hätte ihnen einen würdevolleren Tod vergönnt. Das alte Strizzilokal Las Palmas steht seit 2012 leer, im Black Out rotieren nunmehr Kebabspieße, und erst vor kurzem wurde das verzaubernde „Mocca Brasil“-Schild vom Espresso Black Jack abgenommen.
Ähnlich alt wie das Café Industrie war das Café Wild an der Linken Wienzeile: 1915 eröffnet, sperrte die vierte Familiengeneration zu. Diese Lokale haben Weltkriege und Wirtschaftskrisen überlebt, und jetzt erliegen sie – was eigentlich? Wirtschaftlichen Verschiebungen? Städtepolitischer Wurschtigkeit? Behördlichen Auflagen? Gesellschaftlichen Wandlungen?
mehr im Heft






