Über die Ambivalenz von Woke und Antiwoke im Licht von Dave Eggers’ The Circle
„Ich habe ja nichts gegen Gleichbehandlung, aber das ist mir jetzt zu woke.“ Solche Sätze hört man heute häufiger – meist im Tonfall halber Zustimmung, der schnell in Abwehr kippt. Die moralische Ablehnung von Wokeness ist längst fester Bestandteil politischer Diskurse. Was einst schlicht „wach“ gegenüber sozialer Ungerechtigkeit hieß, ist in manchen Kreisen zur Chiffre für Entfremdung, Denkverbot und Überregulierung mutiert.
Ein Muster dieser Verschiebung hat Dave Eggers in seinem Roman The Circle literarisch zugespitzt: Ein Technologiekonzern erhebt Transparenz, Teilhabe und Offenheit zu obersten Werten – und verwandelt sie in Instrumente einer radikalen Kontrollgesellschaft. Wer sich entzieht, gilt nicht mehr als mündiger Bürger, sondern als Bedrohung für das Kollektiv. Eine Dynamik, die an den Antiwoke-Diskurs erinnert – nur gespiegelt: Dort wird nicht Zustimmung, sondern Abwehr zur Pflicht erklärt.
Was bedeutet eigentlich „woke“? Der Begriff „woke“ stammt ursprünglich aus der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1930er-Jahre und bedeutete: wachsam sein gegenüber rassistischer Diskriminierung. Später weitete sich die Bedeutung aus – woke zu sein hieß, gesellschaftliche Machtverhältnisse zu erkennen (Rassismus, Sexismus, Klassismus, Homophobie) und sich ihnen bewusst entgegenzustellen. Der Begriff stand für Aufmerksamkeit gegenüber Ungleichheit und für ein Bewusstsein sozialer Verantwortung.
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