Ich habe vor einigen Jahren einen Schreibtisch erworben, der aus dem Rahmen fällt. Er war bei Kleinanzeigen günstig im Angebot und gefiel mir auf Anhieb. Nachdem der Verkäufer so freundlich war, den Tisch vorbeizubringen, stellte sich heraus, dass es sich um den Sohn eines ehemaligen Arbeitskollegen meines Vaters handelte, der Jürgen hieß. Jürgen, Willi und Hans waren langjährige Arbeitskollegen meines Vaters. Die vier trafen sich hin und wieder in Hans‘ Schrebergarten und unterhielten sich, womöglich sprachen sie über die neusten Ergebnisse der Fußballbundesliga, beklagten sich im Anschluss oder beglückwünschten sich über den Zustand ihrer Ehen, während sie ein, zwei oder auch mehrere Biere tranken. Die drei Kollegen hatten meinen Vater in ihren Kreis aufgenommen, was sicher auch daran lag, weil sich die Herren ihrer sozialen Herkunft bewusst waren, nicht im ideologischen, klassenkämpferischen Sinn, sondern in dem Bewusstsein, dass sie, die Kollägge, wie mein Vater sie nannte, gemeinsam an einem Seil ziehen mussten, wenn sie in der Firma klarkommen wollten (tatsächlich saßen die vier, was die schwere körperliche Arbeit und die anschließenden Verschleißerscheinungen anbelangt, am kürzeren Hebel). Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mein Vater jemals krank war und der Arbeit ferngeblieben ist. Als er zu Beginn der 2000er Jahre aus betrieblichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand ging, besuchte ihn der Firmenchef höchstpersönlich, überreichte ihm einen Blumenstrauß, ich glaube, er erhielt auch eine kleine Abfindung, und dann drückte der Chef ihm die Hand und mein Vater war mächtig stolz. Kam er einmal angetrunken nach Hause, was hin und wieder geschehen konnte, etwa dann, wenn er seinen Kolläggenfreunden im Schrebergarten einen Besuch abstattete, so ging er anschließend schnurstracks durch den Flur, geradewegs ins Bett, er tat es immer lächelnd. Selten haben wir Kinder, die wir Wege gefunden hatten, bis spät abends wach zu bleiben, unseren Vater mit solch einem breiten Grinsen im Gesicht gesehen. Meine Mutter amüsierte sich in solchen Momenten prächtig, sie genoss den Kontrollverlust ihres Mannes, ließ ihm jedoch seinen Freiraum, während sie selbst um jeden Meter kämpfen musste, wobei sie an einer Art unsichtbarem, horizontal verlaufenden Bungee-Band fixiert






