Der Schönheit späte Rettung
Sarah Kuratles zweiter Roman erzählt von einer Zukunft, die versucht, Reste von Natur zu bewahren – und sei es zwischen Buchdeckeln.
Es gibt gar nicht so wenige Menschen, die nach Büchern greifen, weil ihnen die Covergestaltung gefällt, und sie auch stehen lassen, wenn dem nicht so ist. Von anderen Menschen, die gerne als „intellektuell“ gelesen werden, wird das oft belächelt. Natürlich wird bei dieser Form der Auswahl vielen Büchern Unrecht getan. Genau genommen sind daran aber weniger die Käuferinnen (Käufer seien hier als Minderheit mitgemeint) schuld, als jene Verlage, denen kein adäquat schöner Einband gelingt. (Nachdem Musik ja nur mehr sehr selten als physischer Tonträger gehandelt wird, bleibt die Covergestaltung im Bücherbusiness nämlich auf einer zunehmend exklusiven Rolle sitzen: jener, Kunst in Kunst verpackt an- und dem Inhalt entsprechend zu präsentieren.)
Für „Chimäre“, den zweiten Roman von Sarah Kuratle, hat sich der Otto Müller Verlag große Mühe gegeben. Das von „wir sind artisten“ aufwändig gestaltete Cover verpackt den Text in zarten Golddruck und kunsthistorische Referenzen. Das weist deutlich über eine simple grafische Rahmung des Titels hinaus. Fast erscheint es, als ginge es hier um eine Evokation des Glamours, der das Medium Buch einst umhüllte. Und richtig: Jene, die nach diesem Buch zuerst wegen des Covers greifen, haben völlig recht. Denn sie sind damit schon mitten in der Geschichte …
Die Geschichte, die Kuratle erzählt, oder besser: das Wortgemälde, das sie malt, zeigt eine Dystopie, die dort, wo sie von Schönheit berichtet, auch zu den Heldenzeiten der Buchkunst zurückkehrt, jener Zeit, als die ersten Folianten entstanden: von Hand gestaltet, Buchstabe für Buchstabe hingemalt, geschmückt und aufwändig gebunden. Wie einst die Mönche das Wissen der verlöschenden Antike in wunderschönen Büchern zu retten versuchten, geht es in Kuratles gefühlt nicht fernem Zukunftsgemälde auch darum, Reste einer Welt, die nicht mehr zu halten ist, in Bücher zu bannen.
Die alte Buchkunst als großes Zeugnis von Kultur im Wortsinn verknüpft „Chimäre“ mit dem Erhalt von Natur: Aufgezeichnet, dokumentiert, sollen die bedrohten Zeugen vergangener Zeit überdauern: nicht nur ihre Gestalt, auch ihre Seele. In dieser Zukunft werden von wenigen Menschen – verbunden als eine Art Schule oder Orden – die wenigen Blüten und Blätter, Wurzeln, Setzlinge und Samen, die es zu retten gelingt, an einem Ort gehortet, wo ihr Überleben eine Chance hat. In der fetten feuchten Erde einer letzten heilen Insel – oder zumindest auf den Seiten eines Buchs. Pflanzen werden neu gepflanzt, vermehrt, verbreitet aber auch gezeichnet, dokumentiert, Samen werden gesichtet, gesammelt, gesichert.
An die Welt der mittelalterlichen Mönche, ihre Kunst des Bewahrens in Büchern und Gärten, erinnert die Autorin auch als einer, die weiblich gelesene Menschen ausschließt. Und so kommt der goldgeprägte Titel ins Spiel: Frauen, die am Ort zwischen den Wassern in der Gesellschaft der Pflanzenretter auftauchen, werden zu Chimären, zu blinden Passagieren. Angehalten, sich oder ihr Geschlecht zu verbergen. Das rückt sie und ihr Frau-Sein in einen Zwischenraum, der nach Worten ringt, nach Bildern eines zitternden Selbst. Ganz nebenbei wird der Roman so auch zum Protokoll des Aufenthalts in einem Körper, der nicht ins Spiel passt.
Eine davon ist Alice, die als Alois auf der Insel lebte. Sie wird als besonderes Talent beschrieben, wenn es um die botanische Buchkunst geht. Kuratle zeichnet den Weg nach, der sie fort aufs Festland führt. Zeitweise von Max begleitet, wagt sie sich vor bis an die widerständigen Ränder der überhitzten Zivilisation. Alice‘ Insel-Aufenthalt wird auch in Erinnerungsbildern von Gregor erzählt. Der sucht dort weiter nach Tagen, in denen er die Welt spürt, wie sie war oder sein soll – und begegnet einer anderen Frau … All das passiert, beiläufig oder wie im Traum. Traumwandlerisch jedenfalls, als Handlung, die ein fragiles Geschehen-Lassen vorstellt, das die Protagonist:innen weiter trägt, wie Treibgut im verzweigten Fluss, der die Insel umfließt.
Wie der Männerorden mit den Schätzen der Natur, so verfährt die Autorin in ihrem Schreiben, das viel reicher ist als bloßes Beschreiben: ein kunstvolles Wortgewächs, das die Erzählung mehr noch im Klang vermittelt als im Sinn ihrer Sätze.
Wobei es auch diese ihre Sätze, in sich haben: Wer ab und zu unkonzentriert ist, muss sie zweimal lesen, wer immer konzertiert ist (gibts das überhaupt?), sollte es auch. Sie setzen in ihrer immer wieder überraschenden Gewandtheit eine Poesie frei, die die Eilige nicht zu erhaschen vermag. „Alice lauscht dem Wind die Schreie der Vögel ab“, heißt es da. Und genau so ist es: Dieser Text will, dass wir ihn uns – aktiv – erlesen, erlauschen, ihm nach- und in ihn hineinhören.
Nicht nur die Figuren des Romans verwachsen mit Blättern und Blüten, zerfließen im Wasser, verwehen im Wind, auch die Sprache folgt dem verzweigten Zauber organischen Lebens: erblüht, erstirbt, wird in die Welt gewebt als Netz feiner Fäden und Fährten.
Ganz konkret und gänzlich greifbar sind dabei die Fährnisse der Natur: die Kälte des Morgens, des Wassers gleichgültige Gewalt. Wie nebenbei dringt so auch etwas Hartes, Harsches an die Oberfläche, als wäre es Erinnerung, an eine Welt, rau und roh, wie sie an mancher Stelle noch ist. Noch.
Sarah Kuratle: Chimäre. Roman. Salzburg: Otto Müller Verlag 2025, 156 Seiten
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