Von Kugeln und Haien
Werner Schandors jüngster Roman kreist um Spielsucht und Korruption
Wir schreiben das Jahr 2002. Zwei Paare machen Urlaub auf den Malediven, und in einer Werbeagentur werden fette Prämien kassiert dafür, dass man das macht, wofür man da ist: Der Öffentlichkeit etwas schöngefärbt zu verkaufen. Aber dann läuft doch nicht alles so, wie es soll. No risk, no fun, die Rechnung geht nicht auf; wer sich in Gefahr begibt, könnte eventuell darin umkommen.
In seinem neuen Buch Flüchtiges Spiel hat Werner Schandor eine reale Korruptionsaffäre aufgegriffen und darum einen fiktiven Kriminalroman gesponnen. „Am Tag, als Marc erschossen wurde“, beginnt der Text, und erzählt dann im Rückblick, wie es dazu kam. Dabei geht es zunächst um ganz private Dinge: Wir begegnen zwei Paaren in einem Resort, man geht tauchen, schwimmt unter Haien, trinkt Cocktails, gönnt sich allerhand Vergnügen, zu Wasser und zu Lande. Aber die Urlaubswonne ist bald dahin, die Stimmung kippt – Marcs Freundin hat einen rätselhaften Tauchunfall. Eigentlich hatte sie von vornherein Angst vor dem Tauchen. Zu Recht.
Zurück in Österreich geht Marc seltsam ungerührt seiner Arbeit nach, für eine Agentur, die gut vernetzt ist und für noch besser vernetzte Auftraggeber die Meinung im Land beeinflussen soll: rund um den Erwerb von Abfangjägern.
Somit ist klar, warum der Roman ausgerechnet im Jahr 2002 spielen muss, und wir begegnen manchen Figuren in einer Schlüsselrolle, etwa bei der Jagdgesellschaft auf den Gütern von „Graf Purkwall“, wo man den werten Gästen edles Wild vor die Flinten treibt. Man will Spaß haben, und man kann es sich leisten. Auch rund um die Flugzeuggeschäfte fließt viel Geld.
Marc ist mittendrin und kann der Versuchung nicht widerstehen, etwas aus einem Geldkoffer abzuzwacken, um sein eigenes Glück zu versuchen: im Casino. Man ahnt es schon, das Glück ist ihm nicht hold – und wenn er es noch so oft probiert. Es war definitiv nicht die beste Entscheidung des Agenturchefs, einen Spielsüchtigen zum Geldboten zu machen. Aber wer weiß schon alles über seine Mitmenschen?
Marc verheddert sich jedenfalls mehr und mehr in seinen hausgemachten finanziellen Schwierigkeiten (und ein bisschen auch in privater Beziehungskiste). Am Rande der weitaus größeren politischen und gesellschaftlichen Verstrickungen mag das zunächst geringfügig erscheinen, Marc hat sich allerdings mit den falschen Leuten angelegt. Die Finanzhaie sind mit allen Wassern gewaschen und generell nicht zimperlich, wenn es darum geht, ein Problem aus der Welt zu schaffen. Und so kommt die Kugel ins Rollen – nicht nur am Roulette-Tisch.
Flüchtiges Spiel ist durchzogen von diversen Motivparallelen, die Kugel beim Roulette und in der Pistole, die Haie im Meer und auf dem Finanzparkett, und dass bei einem Banküberfall ausgerechnet eine Spielzeugpistole zum Einsatz kommt, ist wohl ebenfalls kein Zufall.
Auch haben Korruptionsaffären, Werbeszene und Spielsucht gewisse Gemeinsamkeiten: Man bemüht sich, den Schein zu wahren, macht anderen etwas vor – und vielleicht auch sich selbst, solange es eben geht. Hinschauen oder Wegschauen ist eine Entscheidung, aber nicht jede Entscheidung wird von denen getroffen, die sie trifft.
Am Ende klärt sich zumindest alles auf. So gehört sich das in einem Krimi. Genauso wie in einem Untersuchungsausschuss. Und wir sehen: So manche Affäre gibt Stoff her für beides. Wer Lust hat, kann also beim Lesen des Romans Reales und Fiktives auseinanderklauben und zwei Puzzlebilder aus dem machen, was im Text zu einem einzigen verwoben ist. Das wäre dann ein weiteres (flüchtiges) Spiel.
Werner Schandor: Flüchtiges Spiel. Roman. Graz: Edition Keiper 2025, 210 Seiten.






