Rosenkohl ist weder schön wie eine Rose noch groß wie ein Kohl noch duftet er. Und gemocht hatte ihn Ottilia nie. In gekochtem Zustand ist er nicht nur petrolfarben, er schmeckt auch so, und sein dumpfer Geruch hält sich in den Treppen-Häusern ganze Winter lang. Das Gestrüpp kann gar keine heitere, durchsonnte Sommerpflanze sein, die Kopf und Herz beflügelte: sie braucht Frost und einen zähen, lehmigen Boden.
Ottilia hieß Ottilia aus dem einzigen Grund, weil Vater und Großvater Otto hießen. Ein Sohn wäre der Familie lieber gewesen. Das Kind wurde kurz vor Kriegsausbruch geboren. Jeder denkt bei Krieg gleich an den Weltkrieg und an das alte, verhutzelte Europa. Es war tatsächlich ein Weltkrieg gewesen, wenn auch der erste, der von 1914 bis 1918.
Ottilias Vater war für seine Zeit ziemlich fortschrittlich. In Kopf und Herz hatte er ausschließlich Motoren: Automotoren, Motorradmotoren, Flugzeugmotoren. Deren Funktionen, die Geräusche, die Bewegungsabläufe spürte er von den Fußsohlen bis unter den Scheitel. Den Dummianen, die nichts vom Wesen eines Motors ahnten, skizzierte er in wunderbar klaren Zeichnungen die wichtigsten Zusammenhänge, notfalls mit Kreide auf den Boden, auch mit Stecken in den Sand; das Kind Ottilia begriff intuitiv – als wäre es ein Bilderbuch.
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