Besondere Herausforderungen einer Lehrerin
Im Herbst 2017 stehe ich das erste Mal als Lehrerin vor einer Klasse. Die Kinder sind auch neu hier. Namensschilder weisen ihnen Plätze zu, sie legen ihre Federpennale und Mappen auf den Tischen ab, Dinge, die sie an diesem ersten Tag nicht brauchen werden, aber die ihnen Halt geben und sie stolz machen. Auch ich halte mich an meinem Kreidestück fest, das ich zwischen den Fingern hin und her drehe, obwohl es noch nichts zu schreiben gibt. Ich lasse den Blick durch die Reihen schweifen und versuche mir jedes Gesicht einzuprägen. Am Ende der ersten Woche möchte ich alle Namen kennen. Ich werde sie zuhause üben. Ich werde die Kinder fragen, wie man sie richtig ausspricht. Ich nicke mir selbst zu. Die Kinder sitzen und schauen, ich schaue zurück. Ich bin sicher, dass wir miteinander verbunden sind. Ich sehe es in ihren Blicken, an ihrer Körperhaltung: Nervosität, Neugierde, Angst, Unsicherheit, Freude, Aufregung. All das ist auch in mir. Und dennoch hoffe ich auf Spaltung: Die Kinder können Angst haben, sollen mich aber als ruhig wahrnehmen. Die Kinder sollen ihre Grenzen austesten, ich sie ihnen aber setzen. Die Kinder sollen nehmen, und ich soll ihnen geben. Oder die Kinder sollen abgeben, und ich soll korrigieren. Jedenfalls sollen die Kinder lernen, und ich soll ihnen etwas beibringen. Sie fangen gerade erst an, ich bin schon fortgeschritten. So soll es uns vorkommen, das soll die Realität sein, in der wir uns bewegen und auf die wir uns unausgesprochen einigen. Ich nicke uns allen zu und spanne meine Lippen in ein zuversichtliches Lächeln.
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