Ein Essay
Ist es theoretisch möglich? Können wir es praktisch schaffen? Finden wir einen einzigartigen Zugang zu einem relevanten Thema, aus dem sich ein Text entfaltet, auf den sich dennoch oder gerade deswegen eine Jury einigen kann?
Über die erste Frage denken wir nach, als wir vom Schreibtisch aufstehen, hinunter ins Badezimmer gehen und die frisch gewaschene Wäsche aus der Maschine in den Wäschekorb ziehen. Realistischerweise, denken wir, während wir den Wäschekorb zwischen Arm und Hüfte einklemmen und wieder nach oben gehen, müssen wir für einen längeren Text zu einem Thema, das uns sehr naheliegt und dementsprechend leicht von der Hand gehen sollte, mit einer Woche reiner Schreibzeit rechnen. Wir stellen den Wäschekorb ab, öffnen die Tür zum Schlafzimmer, holen den Wäscheständer hervor und tragen ihn auf den Balkon. Texte, die andere Quellen miteinbeziehen, überlegen wir, während wir uns das erstbeste Kleidungsstück auf den Kopf legen, um uns vor der Sonneneinstrahlung zu schützen, brauchen erfahrungsgemäß wesentlich länger. Während wir die Kleidungsstücke ausschütteln und aufhängen, kommen wir zu dem Schluss, dass es innerhalb eines Monats theoretisch möglich sein sollte, einen Essay zu einem Thema zu schreiben, das unter den Nägeln brennt. Wir schließen die Balkontür hinter uns und ziehen die Vorhänge zu.
Unser Magen knurrt. Wir trinken ein großes Glas Wasser und gehen zurück an den Schreibtisch, wischen ein Haar von der Holzoberfläche und schlagen den Kalender auf. Seit Jahren – oder sind es Jahrzehnte? – verwenden wir Wochenkalender, die idealerweise über 18 Monate laufen und über einen farblich möglichst unauffälligen Soft-Cover-Einband verfügen.
mehr im Heft






