Ein Langgedicht als Einladung
stellenweise wisst ihr schätzungsweise mehr als ich und doch hoffe ich euch andernorts zu überraschen
Worüber schreiben bei einem Buch, das von allen Seiten positiv besprochen wurde, das nicht nur in meinem professionellen Umfeld, sondern auch im privaten Kreis immer wieder empfohlen wird, das den Österreichischen Buchpreis in der Kategorie Debüt erhielt, als Lyrikempfehlung 2025 gilt, den PoesieDebütPreis Düsseldorf 2025 erhielt, bei dem klar ist, dass noch viele Auszeichnungen folgen werden. Worüber schreibt man da noch?
Über das Persönliche: Für diese Rezension lese ich NACHWASSER ein zweites, drittes, viertes, fünftes Mal, diesmal als PDF, will Dinge nämlich mit Leuchtstift markieren und so oft vor- und zurückblättern, wie es nur geht. Auch die Suchfunktion im Programm wird mir bei dieser Art des Lesens zur Hilfe kommen – genau wie die Autorin bekomme ich ein Faible für die Funktion Steuerung F. „Ich möchte euch zu tun geben, statt nur unterhalten“, schreibt Frieda Paris, und Musterschülerin, die ich immer war, die ich (leider) noch immer bin, nehme ich meine Aufgabe ernst. Will mitarbeiten am Text und werde dabei von der Autorin an der Hand genommen. Bin als Leserin dabei, wenn ein Langgedicht entsteht, wenn überlegt wird, wie Zitate im Text sichtbar werden sollen, bin dabei, wenn sich für einen Titel entschieden wird. Immer wieder reflektiert Frieda Paris ihren Schreibprozess, denkt über Wörter nach, legt den Prozess des Findens offen, zeigt, wie schwer es fällt, zu formulieren. All das überträgt sich auch auf mein eigenes Schreiben, ich merke plötzlich, wie ich ständig ein paar Wörter zurück will, zurück muss, wie ich meinen eigenen Formulierungen misstraue, versuche, präziser zu beschreiben, merke, wie ich Einschübe benötige, um wenigstens annähernd das Gemeinte erklären zu können.
Über den Dialog: Während ich lese, will ich teilen, was ich finde. Ich verschicke Textstellen an Freund:innen, fotografiere Seiten, fülle meinen Handyspeicher mit Bildern aus diesem Buch. Frieda Paris ließ sich für NACHWASSER insbesondere von der Großen Wortmutter Friederike Mayröcker inspirieren (weitere Wortmütter: Elke Erb, Ingeborg Bachmann, Sarah Kirsch, Wortväter gibt es übrigens nur wenige, bspw. Peter Waterhouse, Paul Celan), durchforstete Tag für Tag die Archivboxen in der Österreichischen Nationalbibliothek und achtete dabei besonders auf die Rückseiten der Postkarten, Kassenbons, Schmierzettel. Paris begibt sich mit diesen in Dialog, erzählt von den ersten eigenen Worten, von dem ersten Gedicht (Italien, Sommer, Küche). Beschreibt, dass auch Sätze eine Rückseite haben, nämlich die eigene Biografie, die Hintergründe und Entstehungsbedingungen des Textes. Seitdem gehe ich anders durch Texte. Ich kann kaum noch an einem Satz vorbeilesen, ohne über die Rückseite nachzudenken.
Über das Du: Für das Lyrische Du im Text findet Paris die Lomeise, ein Vogel, der die Autorin über das Gedicht hinweg begleitet, dabei ist, wenn sie am Schneidetisch (= Schreibtisch, = Hinweis aufs Collagieren, = Einblick ins Schreiben, ins Arbeiten, ins Zusammenfügen) sitzt, der Fragen stellt: „Und wirst du diesen Text jetzt endlich NACHWASSER nennen?“ Was ich am Text besonders zu schätzen weiß, es gibt da eine Freude am Spiel, eine Freude am Formulieren. Es gibt da eine Leichtigkeit im Umgang mit dem Text, die mich als Leserin hineinzieht, einlädt, ebenso unbeschwert mit dem Text umzugehen.
Über das Langgedicht und Nachbarschaften: Langgedicht nennt Paris das, womit Leserin und Leser auf 131 Seiten in 110 Abschnitten zu tun haben, und legt im Abschnitt 84 in einer unvollständigen Liste an Thesen das Programm des Langgedichtes offen: „das Langgedicht entzieht sich Linearitäten“, „das Langgedicht gibt ständig zu, ein langes Gedicht zu sein“, „das lange Gedicht fragt nach dem Weg, gleichzeitig möchte es Wegbeschreibung sein“, „das lange Gedicht macht Platz für Nachbarschaften tbc“. Denke viel über das Langgedicht nach, generell über Lyrik. Merke, dass ich endlich die richtige Lesehaltung dafür gefunden habe. Denke weiter über Zwischenformen nach, über lyrische Prosa und prosaische Lyrik, da fällt mir auch Cornelia Hülmbauers Oft manchmal nie ein und ich frage mich dann, ob es sowas wie Genres überhaupt (noch) braucht? Apropos Nachbarschaften: Seit Jahren versuche ich (nach einigen Umzügen und schweren Kisten), weniger Bücher anzuhäufen. Was mir dabei hilft: die Stadtbibliothek. NACHWASSER wurde zunächst ausgeborgt – aber letztendlich für so gut befunden, dass ich es besitzen musste. Nun steht es da in meinem Bücherregal zwischen Hasenprosa von Maren Kames und fischgrätentage von Elke Laznia. Und wartet, dass ich endlich Mein Herz, mein Zimmer, mein Name von Friederike Mayröcker besorge.
Über das Empfehlen: Ja, lesen Sie dieses Buch. Danach wird vieles anders sein, vor allem was das eigene Lesen, das eigene Schreiben betrifft. Nehmen Sie sich ein paar Tage Zeit, um einzutauchen, lesen Sie das Buch zuerst von vorne nach hinten, später dann empfiehlt sich auch das zufällige Aufschlagen und Hineinlesen, das Querlesen. Lassen Sie sich ein auf den Text und arbeiten Sie mit. Lesen Sie im besten Fall öfter, lesen Sie – wie ich – in gedruckter Form und als PDF. Lesen Sie mit Leuchtstift, mit Notizbuch daneben, mit Steuerung F.
Frieda Paris: Nachwassser. Dresden: edition Azur 2024, 136 Seiten.






