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Heft 34

Erschienen in Heft 34, geht's noch?
Ressort: Rezensionen

Gerhard Jäger:
All die Nacht über uns

rezensiert von Clara Posch

Die Macht der Dunkelheit

Gerhard Jäger nimmt sich in seinem zweiten Roman schwerer Themen an.

„Er weiß nicht, ob er sich jemals in seinem Leben so geschämt hat wie in diesem Moment, als ihn seine Großmutter in der Tür erwartete, ihn, mit blutender Nase, ihn, mit nasser Kleidung aus dem Aufruhr dieser Nacht kommend. (…) Natürlich konnte die Großmutter daraus nicht schließen, dass sich seine Hand in der Menge gehoben, dass er eine Fackel auf das Windrad geworfen hatte. Aber sie schien zu wissen, wo er gewesen war, dass er Teil einer Masse geworden war, die nichts Menschliches mehr an sich hatte.“

Ein namenloser Soldat in einem namenlosen Ort in einem namenlosen Land. Hier verrichtet er seit einiger Zeit seinen Dienst, hält Wache auf einem Turm vor der Grenze. In dieser Nacht aber ist da etwas, ist da jemand auf der anderen Seite des Zauns, ein Mensch mit einer Geschichte. Und da ist auch etwas im Soldaten, das nicht länger ruhen kann. Es sind seine Erinnerungen an eine Zeit vor diesem einen Nachmittag in diesem einen Sommer, der sein Leben für immer veränderte …

So wie die Menschen hinter dem Zaun auf der Flucht sind vor Krieg, Hunger und Elend, ist auch der Soldat ein Davonlaufender: Er flieht vor seiner Erinnerung, vor seinem Schicksal, vor der Schuld. Doch in dieser Nacht gibt es kein Entkommen. Wir begleiten ihn vom Beginn seines Dienstes abends um neunzehn Uhr Stunde um Stunde durch die Nacht, von der Dämmerung in die totale Dunkelheit, durch Regen und Kälte bis ins Morgengrauen, sein Gewehr wie eine Geliebte immer nah bei sich. Und wir begleiten ihn durch die Gedanken von der Zeit, als er als Kind das erste Mal eine Spielzeugwaffe in der Hand hielt, über Momente des vollkommenen Glücks durch Trauer und Angst und Verlust bis in jene Tage, in denen die Fremden im Dorf ankamen. Doch da ist noch mehr: In dieser Nacht taucht der Soldat auch erstmals in die Erinnerungen seiner Großmutter ein, die als 14-Jährige, nach dem Krieg vertrieben, ebenfalls aus ihrer Heimat fliehen musste. Es sind schwere Themen, deren sich der Vorarlberger Autor Gerhard Jäger in seinem zweiten Roman annimmt. Doch schwer machen die Erzählung auch Symbolik und Poetik. Seite für Seite trifft den Leser mit voller Wucht, mit aller bildlichen und sprachlichen und erzählerischen Gewalt – und manchmal ist das zu viel, so wie auch dem Soldaten im Laufe der Nacht alles zu viel wird.

Dennoch: Wer sich auf die Geschichte einlässt, wird unweigerlich hineingesogen in die bedrückenden Gedanken des Protagonisten, fühlt und leidet mit diesem gebrochenen Mann – und spürt noch lange die Nachwirkungen des Texts. All die Nacht über uns ist ein intensives, ein kluges, ein wichtiges Buch in der heutigen Zeit. Der Lohn: eine Nominierung für den Österreichischen Buchpreis 2018. Im November desselben Jahres ist Gerhard Jäger mit nur 53 Jahren an den Folgen einer Gehirnblutung verstorben. Sein Appell für Menschlichkeit und Mitgefühl aber bleibt. Denn „vielleicht sind wir alle auf der Flucht, Flüchtende wir alle, alle flüchtig“.

Rezensionen

Buch

Christoph Dolgan:
Elf Nächte und ein Tag

2019: Droschl, S. 216
rezensiert von Werner Schandor

AUFGEZWUNGENE STARRE In Elf Nächte und ein Tag zeichnet Christoph Dolgan ein dicht gewobenes Psychogramm einer bedrückenden Freundschaft. Das heftigste Kapitel ist jenes, wo die Hauptfiguren Theodor und der Ich-Erzähler

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Bergsveinn Birgisson:
Die Landschaft hat immer Recht

2018: Residenz, S. 288
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Die Welt in Bergsveinn Birgisssons 2003 erschienenem Debutroman “Die Landschaft hat immer recht” ist irgendwo zwischen banaler Realität, magischen Halluzinationen und bildreicher Vorstellungskraft angesiedelt. Es ist dem Residenz-Verlag hoch anzurechnen,

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Tanya Tagaq:
Eisfuchs

2020: Antje Kunstmann, S. 196
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Nur nichts verpassen! Tanya Tagaqs Eisfuchs sagt Ja zum Leben. Eigentlich könnte dieses Buch deprimierend sein: ein langweiliges Kaff im Eis, vernachlässigte Kinder, die sich vor ihren betrunkenen Eltern und

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Hans Platzgumer:
Drei Sekunden jetzt

2018: Zsolnay , S. 256
rezensiert von Clara Posch

Übers Leben und das Gelebtwerden Ist das Leben Zufall oder Schicksal? Wer sind wir, wohin gehen wir, und was ist der Sinn? “Drei Sekunden jetzt” lotet die existenziellen Fragen des

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Birgit Schwaner:
Jackls Mondflug. Erzählung.

2017: Klever, S. 128
rezensiert von Lisa Spalt

Lenzpassier und Südwindprofiteur Die historisch belegte Lebensgeschichte des Salzburger Bettlers Jakob Koller bildet die Folie für Birgit Schwaners Erzählung Jackls Mondflug. Jakob Koller, der Sohn eines Abdeckers verschwand 1675 nach

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Heimo Mürzl und Wolfgang Pollanz (Hg.):
Noch mehr Lärm. Ein Pop-Lesebuch

2019: edition kürbis, S. 144
rezensiert von Hannes Luxbacher

Musik ist Trumpf! Ein Pop-Lesebuch, kuratiert von Heimo Mürzl und Wolfgang Pollanz, fordert „Noch mehr Lärm!“ Lauter Lärm hieß der erste Sammelband, den Heimo Mürzl und Wolfgang Pollanz – unserer

Buch

Friedrich Hahn:
Melichar oder Von der Kunst, keinen Roman zu schreiben

2019: Edition Keiper, S. 160
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Musil vs. Barthes 1:0 Wie lange kann man sich davor drücken, eine Buchbesprechung zu schreiben? In meinem Fall vier Monate. So lange liegt Friedrich Hahns Roman „Melichar oder Von der

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Gertrude Maria Grossegger:
Wendel

2018: Edition Keiper, S. 140
rezensiert von Nadia Rungger

Keine Welterklärer Gertrude Maria Grosseggers Protagonist Wendel ist beschäftigt, sich selbst zuzuschauen. Wendel ist der Protagonist des Romans, ein Wissenschaftler, der in seinem Labor in Gamspichl am Schweigergut an Forschungsprojekten

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